Verifikation

(vom lat. veritas – Wahrheit; mittellat. verificatio)

Definition

Verifikation bedeutet allgemein, im Sinne der Philosophie, einen Nachweis für die Wahrheit von Aussagen zu erbringen.

Im Bereich der Wissenschaft, vor allem in der Wissenschaftstheorie, werden die Kriterien für die Wahrheit von Aussagen oder Hypothesen empirisch untersucht. Hier ist anzumerken, dass es für die allgemeinen Gesetzesaussagen keine allgemein gültigen Kriterien gibt.

Die wissenschaftlichen Richtungen des Empirismus und Positivismus fordern die Verifikation. Beim Empirismus werden nur Aussagen betrachtet, die bestätigt werden konnten und bestätigt werden können.

Eine philosophische Bedeutung erlangte der Begriff des Verifikationsprinzips zwischen 1928 und 1960 des „Wiener Kreises“, auf das noch später eingegangen wird.

Geschichte

Schon seit dem 14. Jahrhundert wird in der scholastischen[1] Logik der Ausdruck „verifizieren“ (wahrheitsgemäß ausgesagt werden) zur Definition von Voraussetzungen für Termini verwendet.

18. Jahrhundert

Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ist der Begriff der Verifikation auch im deutschen Sprachraum verbreitet. Dieser steht für die „Bewahrheitung, Bekräftigung oder Bestätigung eine Behauptung“ (Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 11, S. 696)

Die Charakteristik der Verifikation hat ihre Wurzeln im britischen Empirismus, wo die Verifikation auf Ideen, Empfindungen oder Eindrücke angewandt wird. Schon John Locke (1632-1704) und G. Berkeley vertraten ansatzweise diesen Gedanken, dass letztlich alles auf Ideen des Geistes bzw. die Empfindungen der Sinne zurückgeht. David Hume (1711-1776) ist derselben Ansicht. Er ist der Meinung, dass alle Ideen auf den Eindrücken der inneren und äußeren Wahrnehmung gründen und somit die Basis der Überprüfung bilden, weil sie keine Ambiguität[2] zulassen. Wörter, die der Überprüfung nicht standhalten, erachtet er als sinnlos.

19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert führten Auguste Comte ähnliche Überlegungen zu einer positivistischen Auffassung. Er vertrat die Meinung, dass die Wissenschaft nur solche Aussagen zulässt, die direkt mit dem beobachteten Phänomen übereinstimmen.

Ende des 19. Jahrhunderts war der Gedanke der Verifikation ins Zentrum vieler philosophischer Ansätze gerückt. Charakteristisch waren die bereits von Locke und Berkeley entwickelten Ansätze. Ergänzt wurde das Ganze durch die Identifikation der Bedeutung einer Idee mit ihren erfahrbaren Konsequenzen (wie beim amerikanischen Pragmatismus). Die pragmatische Auffassung führte zu einer Gleichsetzung von Verifikation und Wahrheit. Wahrheit wird hier nicht als starr, sondern als Prozess angesehen.

Allgemeine Erkenntnistheorie nach M. Schlick

Moritz Schlick entwickelte 1918 die „Allgemeine Erkenntnistheorie“. Diese besagt, dass zwischen der Wahrheit einer Aussage und ihren Tatsachen Eindeutigkeit regiert. Also kann wahren Urteilen genau eine Tatsache zugeordnet werden. Die dafür benötigten Methoden nennt Schlick „Methoden der Verifikation“.

Verifikationsprinzip

Das Verifikationsprinzip ist ein von Rudolf Carnap 1928 formulierte Grundsatz, der besagt, dass alle sinnvollen und nicht-analytischen Aussagen verifizierbar sein müssen. Dieser Ansatz wurde vom Wiener Kreis[3] und Logischem Empirismus[4] vertreten. Nach dem Verifikationsprinzip wird die Bedeutung einer Aussage durch die möglichen Ergebnisse der Prüfmethode eindeutig festgelegt. Aussagen die nicht verifiziert werden können, werden als sinnlos erachtet und sind daher weder wahr noch falsch. Das Verifikationsprinzip ist keine selbstständige Norm, sondern ist eine rationale Rekonstruktion der Praxis, so die Vertreter.

Es gab auch Schwierigkeiten mit diesem Prinzip. So wurde zB vorgeworfen, dass das Prinzip selbst nicht empirisch prüfbar ist und daher auch sinnlos ist. Es sei keine Behauptung mit Wahrheitsansprüchen, sondern nur ein Vorschlag einer Konvention. Den Problemen wurde mit einer Vielzahl von Reformulierungen entgegnet, jedoch fand dies keine Anerkennung. Daher führte es dazu, dass ab etwa 1960 das Prinzip aufgegeben wurde.

Überprüfung von Verifikation

Eine Überprüfung der Aussagen erfolgt über Beobachtungen oder das so genannte Verifikationsexperiment. Das ist ein „spezifisches Experiment zur Bestätigung von Hypothesen oder Theorien.“ (Beltz Lexikon Pädagogik) Allerdings ist diese Überprüfung nur möglich, wenn die Bedingungen für das Experiment oder die Beobachtung nicht den Naturgesetzten widersprechen.

Probleme und Modifikationen/Lösungsversuche

Allgemeine Sätze

Bei Gesetzen oder Hypothesen, die weder einen Raum- noch Zeitbezug haben, ist die Verifikation nicht möglich. Dabei kam ein Einwand von Hans Hahn, dass alle universellen Sätze und dadurch auch naturgesetzliche Aussagen sinnlos wären, weil sie nicht vollständig verifiziert werden können. Wittgenstein und Schlick berufen sich auf ihre Position, dass universelle Sätze zwar sinnlos seien, aber gleichzeitig unverzichtbarer Unsinn darstelle.

Zu einer Lösung des ersteren beschriebenen Problems kommt man mit der Falsifikation. Falsifikation bedeutet, dass man eine Aussage oder Hypothese widerlegen kann, jedoch muss man nur die Falschheit beweisen können.

Basissatzproblem

Das zweite Problem ist das Basissatzproblem. Dabei geht es darum, nach der Wahrheit von Beobachtungsaussagen oder Basissätzen zu fragen. Auch Beobachtungen sind theorieabhängig, und diese setzen voraus, dass eine Hilfstheorie existiert. Ist jetzt nun die Beobachtungstheorie falsch, ist logischerweise auch die daraus entstandene Beobachtung falsch. Außerdem kann es auch zu Fehlern bei der Datenerhebung kommen, indem der Befragte in einem Interview nicht der Wahrheit entsprechend antwortet usw.

Bei diesem Problem kann sich der Wissenschaftler mit dem Kritischen Rationalismus von Karl Popper helfen. Dieser besagt, dass die Hypothesen, die formuliert werden, so zu formulieren sind, dass sie kritisierbar sind, denn man kann sich der Wahrheit nur annähern. Karl R. Popper hat den Begriff der Wahrheitsnähe geprägt, denn das Konzept dahinter ist „…Annäherung an die Wahrheit durch das Eliminieren von Irrtümern.“ (Groeben, Westmeyer, 1975, S. 149)

Starke und schwache Verifikation nach H. Reichenbach

Zu Beginn der 30er-Jahre entbrannte im Wiener Kreis eine Debatte um die Protokollsätze, die von Otto Neurath eingeführt wurden. Laut Carnap sollten die Sätze „nicht der Erfahrung bedürfen, sondern als Grundlage für alle übrigen Sätze dienen“ (Carnap, zitiert nach Richter (Hrsg) 2001, S. 698). Diese Debatte führte Alfred Jules Ayer zu dem Schluss, zwischen einer starken und schwachen Verifikation zu unterscheiden.

Hans Reichenbach entwickelt aufgrund dieser Unterscheidung 1936 eine Theorie der Verifikation, die nicht mehr auf der Wahrheit von Aussagen, sondern auf deren Wahrscheinlichkeit basiert. Das enge Band zwischen Bedeutung und Methode von Wittgenstein beginnt sich langsam zu lockern, indem man statt nach der Bedeutung nach den Bedingungen gefragt hat, die erfüllt sein müssen, um einen Satz als wahr zu erklären.

Die Verifikation wirft auch Schwierigkeiten bei Sätzen auf, die etwas über Vergangenes oder Zukünftiges oder auch über Gefühle von Personen ausdrücken (Dispositionsaussagen).

Entwicklung im letzten Viertel des 20. Jhdts.

Natürlich wurde noch fieberhaft nach Lösungen für die Probleme de Verifikation gesucht, die jedoch den Kritiken nicht standhalten konnten. Mit der Ausnahme von einzelnen speziellen Fällen, wurde keine Lösung gefunden.

Deshalb spricht man seit den 60er- und 70er-Jahren mehr von der Bewährung (Kritischer Rationalismus nach K. R. Popper) von Aussagen, anstatt von Bestätigungen.

Literatur

Basisliteratur:

Chalmers, Alan F. (1999): Wege der Wissenschaft. Einführung in die Wissenschaftstheorie. 6., verbesserte Aufl. Springer: Berlin, Heidelberg.

Vertiefungsliteratur:

Groeben, Norbert; Westmeyer, Hans (1975): Kriterien psychologischer Forschung. Juventa: München.

Tenroth, Heinz-Elmar; Tippelt, Rudolf (Hrsgs.) (2007): Beltz Lexikon Pädagogik. Beltz: Wanheim, Basel.

Ritter, Joachim; Gründer, Karlfried; Gabriel, Gottfried (Hrsgs.) (2001): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 11. Schwabe & Co AG: Basel.

Mittelstroß, Jürgen (Hrsg.) (2004): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Sonderausgabe 4. J. B. Metzler: Stuttgart

Internetquellen

http://bases.uibk.ac.at

(Entnommen am 14.04.2008)

http://lexikon.meyers.de/meyers/Verifikation#bildungssprachlich_f.C3.BCr:_Darlegung.2C_Best.C3.A4tigung_der_Richtigkeit_durch_

(Entnommen am 14.04.2008)

http://viadrina.euv-frankfurt-o.de/~polsoz/lehre/lehre_WS03/meth_ws03/tut1.pdf

(Entnommen am 14.04.2008)


[1] Die Scholastik bemühte sich im Mittelalter um eine Übereinkunft zwischen der Theologie und der antiken Philosophie.

[2] Mehrdeutigkeit

[3] Der Wiener Kreis geht aus dem sogenannten „Schlick-Zirkel“ (nach dem Wissenschaftler Moritz Schlick), vor allem nach dem 1. Weltkrieg hervor. Auf den Wiener Kreis trifft man nach dem 2. Weltkrieg hauptsächlich nur mehr im angloamerikanischen und skandinavischen Raum. Kreis befasst sich mit den philosophischen, aber metaphysikfreien Grundlagen der Wissenschaft und setzt sich auch mit dem „alten Positivismus“ auseinander. Ziel war eine Vereinigung von Empirismus und moderner Logik zu einer einzigen Wissenschaft und das Bemühen um eine „wissenschaftliche Weltauffassung“.

[4] der Logische Empirismus wird auch Logischer Positivismus und Neopositivismus genannt. Diese Denkrichtung ging aus dem Wiener Kreis, nach dem 2. Weltkrieg hervor. Wie auch beim Wiener Kreis geht es hier um ein „wissenschaftliches Weltbild“.