Hermeneutik
Begriff
Das Wort Hermeneutik kommt aus dem Griechischen und bedeutet dreierlei: aussagen (ausdrücken), auslegen (erklären) und übersetzen (dolmetschen). Diesen Begriffen liegt das Verstehen von etwas zugrunde. Die Hermeneutik ist somit „die Wissenschaft vom Verstehen“ oder anders gesagt „die Kunst der Auslegung“. Sie wird am häufigsten zur Textinterpretation eingesetzt. [1] Wilhelm Dilthey - einer der wichtigsten Vertreter dieser Lehre - unterscheidet zwischen „erklären“ und „verstehen“. Während die Naturwissenschaften sich damit beschäftigen die Gegebenheiten der Welt von außen zu erklären, sieht er die Aufgabe der Geisteswissenschaften, die „Erscheinungen“ der Welt von innen her zu verstehen. „Diltheys Bestreben, eine universelle Methodik der auf „geschichtlichen Seelenvorgängen“ beruhenden Geisteswissenschaften zu entwickeln und diese abzugrenzen von den Gegenständen und Arbeitsweisen der Naturwissenschaften, hat einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt, (…)“ [12]
Grundbegriff der Hermeneutik: Das Verstehen
Es ist die Aufgabe der Hermeneutik, die Regeln des Verstehens ins Bewusstsein zu heben. Dilthey war es u. a., der den Verstehensbegriff genauer betrachtet hat: „Das Verstehen als Methode der Hermeneutik ist jener Vorgang, in welchem wir aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein Inneres erkennen [2] Anhand eines Beispiels erklärt wäre dieser theoretische Sachverhalt im Alltagsleben beim Erkennen eines Verkehrszeichen zu verdeutlichen. Beim Betrachten des Schildes nehme ich „Äußere“ Zeichen wahr: rund, weiß roter Rand. Sein „inneres“ besteht in seiner Bedeutung: Auf dem so gekennzeichneten Weg darf nicht gefahren werden. Das Verstehen beruht also in dem Erkennen der Bedeutung des Verkehrszeichens. Im Zusammenhang mit dem Verstehen von Texten sieht das Schema von Dilthey wie folgt aus: „Das ‚Innere‘ zeigt sich als Sinn und Bedeutung, während das ‚Äußere‘ als Ausdruck jenes Sinns verstanden werden kann.“ [4]
Diltey unterscheidet zwei Formen des Verstehens. Die „elementare Form“ richtet sich auf einzelne Lebensäußerungen. Sie findet Anwendung in unserem alltäglichen Umgang miteinander, durch Gesten, Anreden, usw. Dem differenziert Dilthey das „höhere Verstehen“, welches auf der elementaren Form aufbaut. Es richtet sich auf „das Verstehen in Ganzheiten von miteinander in Beziehung stehenden Lebensäußerungen. Er greift hierbei auf die größeren Zusammenhänge, d. h. auf den ganzen Lebenszusammenhang, oder aber auf andere Lebensäußerungen, die zum Verständnis herangezogen werden müssen zurück. Mit der Hereinnahmen von Ganzheiten kommen das Problem der umfassenden Interpretation und der erste Ansatz eines hermeneutischen Zirkels ganz klar zum Ausdruck: „Aus den einzelnen Worten und deren Verbindungen soll das Ganze eines Werkes verstanden werden, und doch setzt das volle Verständnis des Einzelnen schon das des Ganzen voraus.[5]“. [6]
Der hermeneutische Zirkel
„Höheres Verstehen verläuft nicht geradlinig von einer Erkenntnis zur nächsten fortschreitend, sondern kreisförmig, wobei das eine das andere und dieses das eine erhellt. Diese Bewegung des Verstehens wird als hermeneutischer Zirkel bezeichnet. Unter dem Gesichtspunkt des methodischen Vorgehens ist es wichtig, sich die Zirkelstruktur vor Augen zu halten. Denn es kann bei einer Interpretation notwendig sein, daß man unter Umständen etwas halb oder gar nicht Verstandenes zunächst stehen läßt, um seine Aufhellung von etwas anderem her zu versuchen.“ [7]
Wenn wir einen Text lesen, kann es häufig sehr mühsam sein diesen zu Verstehen. Es bedarf oft des mehrmaligen auseinandersetzen mit dem Gelesenem. Zunächst besteht eine hermeneutische Differenz zwischen Verstehendem und dem Geschriebenem. Es bleibt letztlich offen, ob es zu einem endgültigen kongruenten Verstehen kommt. Je mehr wir uns mit dem Text beschäftigen, desto kleiner kann diese Differenz werden. Diese Überwindung der hermeneutischen Differenz geschieht in der Bewegung des hermeneutischen Zirkels. [8]
Hermeneutische Objektivität
Verstehen ist erst durch das Gemeinsame der einzelnen Subjekte möglich, dem „objektiven Geist“. Dieser muss im kulturellen und historischen Kontext gesehen werden. In welchem kulturellen/geschichtlichen Zusammenhang steht das zu Verstehende? Hermeneutisches Verstehen kann dem Anspruch einer „Allgemeingültigkeit“ nicht gerecht werden, sofern darunter ein von jedem jederzeit Überprüfbares verstanden wird. Verstehen bleibt jedoch auch nicht bei einer willkürlichen Subjektivität stehen. Vielmehr wird hermeneutische Objektivität durch die Angemessenheit einer Erkenntnis an ihrem Gegenstand erreicht. Dabei spielt eine als wesensmäßig zu verstehende Subjektivität als Vorbedingung des Verstehens eine Rolle. [9]
Hermeneutische Pädagogik
Einer der wesentlichen Aufgabenbereiche der hermeneutischen Pädagogik besteht in dem Erhellen des Vorverständnisses von praktischer und theoretischer Pädagogik, nämlich des Sinns von Erziehung und Bildung. Eine hermeneutische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Pädagogik ist nicht nur für die Vergangenheit wichtig, sondern auch für gegenwärtige Praxis und Wissenschaft, weil sie historisch geworden ist. Eine hermeneutisch betriebene Geschichte von Erziehung und Bildung hilft, deren Sinn zu klären.
In der Pädagogik kann auch nicht immer von fixierten Gegebenheiten ausgegangen werden. Die Notwenigkeit von Verstehen und Interpretation in der Erziehungswirklichkeit zeigt, dass der Erzieher neben der Individualität der Heranwachsenden ihre altersspezifische Eigenwelt verstehen muss. Das Lernen des Kindes steht in einem zirkulären Prozess, da Sinn im Neuen erkannt wird aufgrund des bereits vorhandenen Sinnhorizonts. [10]
Zusammenfassend:
Die Bedeutung der Hermeneutik der Erziehungswirklichkeit lieg im Wahrnehmen von Verstehensakten als solchen, im Überführen von „elementaren“ Verstehensakten in „höhere“ und in der Auslegung einzelner Erziehungsgegebenheiten im Hinblick auf ihren Sinnzusammenhang. [11]
Literatur
Danner, Helmut (1979): Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik: Einführung in die Hermeneutik, Phänomenologie und Dialektik. München, Basel: E.: Reinhardt
Tschamler, Herbert (1983): Wissenschaftstheorie. Eine Einführung für Pädagogen. Bad Heilbrunn/Obb.: Julius Klinkhardt. 2. Aufl.
Internetquelle
Stangl, Werner: Die Geschichte der Hermeneutik. entnommen am 09.007.2008 unter: http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/ERZIEHUNGSWISSENSCHAFTGEIST/HermeneutikHistorie.shtml
[1] vgl. Danner, Helmut (1979): Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik: Einführung in die Hermeneutik, Phänomenologie und Dialektik. München, Basel: E.: Reinhardt. S 29
[2] Diltey, W.: Gesammelte Schriften Bd. 5. Göttingen 1964, 2. Aufl. S 317 zit. nach Tschamler, Herbert (1983): Wissenschaftstheorie. Eine Einführung für Pädagogen. Bad Heilbrunn/Obb.: Julius Klinkhardt. 2. Aufl. S 35
[3] Danner, Helmut (1979): Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik: Einführung in die Hermeneutik, Phänomenologie und Dialektik. München, Basel: E.: Reinhardt. S 34
[4] Danner, Helmut (1979): Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik: Einführung in die Hermeneutik, Phänomenologie und Dialektik. München, Basel: E.: Reinhardt. S 38
[5] Diltey, W.: Gesammelte Schriften Bd. 5. Göttingen 1964, 2. Aufl. S 317 zit. nach Tschamler, Herbert (1983): Wissenschaftstheorie. Eine Einführung für Pädagogen. Bad Heilbrunn/Obb.: Julius Klinkhardt. 2. Aufl. S 35
[6] vgl. Danner, Helmut (1979): Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik: Einführung in die Hermeneutik, Phänomenologie und Dialektik. München, Basel: E.: Reinhardt. S 42
[7] Danner, Helmut (1979): Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik: Einführung in die Hermeneutik, Phänomenologie und Dialektik. München, Basel: E.: Reinhardt. S 57
[8] vgl. Danner, Helmut (1979): Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik: Einführung in die Hermeneutik, Phänomenologie und Dialektik. München, Basel: E.: Reinhardt. S 52ff
[9] Danner, Helmut (1979): Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik: Einführung in die Hermeneutik, Phänomenologie und Dialektik. München, Basel: E.: Reinhardt. S 58ff
[10] Danner, Helmut (1979): Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik: Einführung in die Hermeneutik, Phänomenologie und Dialektik. München, Basel: E.: Reinhardt. S 105ff
[11] Danner, Helmut (1979): Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik: Einführung in die Hermeneutik, Phänomenologie und Dialektik. München, Basel: E.: Reinhardt. S 107
[12] Stangl, Werner a. a. O.