Forschung: Pasteurs Quadrant

1. Einleitung

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte der amerikanische Forscher Vannevar Bush ein eindimensionales Forschungsmodell, das lange Zeit das Verständnis von Forschung prägte. Erst durch den Politikwissenschafter Donald E. Stokes, der 1997 ein zweidimensionales Forschungsmodell veröffentlichte, zeichnete sich allmählich ein Paradigmenwechsel ab (vgl. Fischer et al., S. 431-434). Forschung muss einerseits immer einen freien Blick für mögliche auftauchende Probleme haben, andererseits muss Forschung aber auch auf erkannte gesellschaftliche Herausforderungen lenken. In Zeiten knapper Forschungsmittel wird es zukünftig notwendig werden, dass Forschungsvorhaben gesteuert werden. Damit die wichtigsten und am ehesten Erfolg versprechenden Forschungsfragen behandelt werden können (vgl. Kölbel 2004, S. 93).

2. Definition

Der Begriff Forschung bezeichnet eine geplante und gezielte Suche nach neuen Erkenntnissen, die von Einzelpersonen oder einer Gruppe von Personen durchgeführt werden können. Im heutigen Verständnis der Wissenschaft wird Forschung auch synonym mit wissenschaftlicher Tätigkeit gebraucht (vgl. Metzler 1999, S. 182).

3. Geschichtlicher Diskurs

Während des Zweiten Weltkriegs flossen in Amerika zahlreiche öffentliche Gelder in die kriegsbezogene Forschung. Um diese auch für die Nachkriegszeit zu sichern und gleichzeitig mehr wissenschaftliche Freiheit zurück zu erlangen, verfasste Vannevar Bush, Direktor des „Office of Scientific Research and Development“, einen Bericht über die Rolle der Forschung in Friedenszeiten (vgl. Stokes 1997, S. 2f). Darin stellt Bush ein eindimensionales Modell auf, das Grundlagenforschung und Anwendungsforschung oppositionell betrachtet. Beide Forschungstypen stehen sich demnach gegenüber und sie entfernen sich voneinander umso mehr, je stärker ein Forschungsvorhaben zu einem dieser Pole zugewandt ist. Grundlagenforschung zielt auf Verständnis ab, die sich keine Gedanken über die spätere Verwertung ihrer Ergebnisse machen sollte. Bush glaubte so die Kreativität zu fördern und dadurch insgesamt mehr Nutzen zu erhalten. Dem Gegenüber legt die angewandte Forschung ihren Schwerpunkt auf die praktische Nutzbarkeit der Ergebnisse und holt sich idealer Weise ihre Impulse von der Grundlagenforschung (vgl. Stokes 1997, S. 9f). Mit diesem Konzept geht auch eine eindimensionale Vorstellung von Technologietransfer einher (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Trad. Technologietransfer-Modell (Fischer et al. 2005, S. 432)

Diese Auffassung teilt Stokes nicht, denn für ihn ist Grundlagenforschung nicht die einzige wichtige Quelle für technologischen Fortschritt, sondern auch die Interaktion mit der Praxis liefert für ihn Anstöße zur Weiterentwicklung von Technologien (vgl. Fischer et al. 2005, S. 432).

4. Quadrantenmodell

In “Pasteur’s Quadrant: Basic Science and Technological Innovation“ entwickelte Donald E. Stokes (1997) ein neues zweidimensionales Forschungsmodell. Dieses beansprucht je eine Dimension für das Interesse der Forscher an Erkenntnis und Anwendung, die unterschiedlich ausgeprägt sein können. Dadurch entstehen vier Quadranten, von denen Stokes drei nach bekannten Forscherpersönlichkeiten benennt. Niels Bohr, Thomas Edison und Louis Pasteur repräsentieren für ihn je einen Quadranten (vgl. S. 70-75). Den leer bleibenden Quadranten ergänzt Mathias Kölbel (2004) mit Carl von Linné (siehe Abbildung 2).

Bohrs Quadrant beinhaltet „erklärungsorientierte Grundlagenforschung“, die Strukturwissen generiert. Als Beispiel hierfür ist die Kulturtheorie von Freud zu nennen. Im Vordergrund stehen Fakten in Zusammenhänge einzuordnen, zu erklären und Komplexität durch Theoriebildung zu reduzieren. Forschungsvorhaben zielen vor allem auf Erkenntnis ab und orientieren sich kaum am Nutzen. Die Forschungssteuerung erfolgt durch die wissenschaftliche Gemeinschaft. Die Geldgeber haben aber geringen bzw. indirekten Einfluss auf die Verwendung der Mittel zum Beispiel durch Gutachterauswahl. Selbststeuerung tritt als institutionelle Förderung und als Projektförderung über Institutionen auf, wie z. B. DFG (Deutsche Förderungsgesellschaft) (vgl. ebd., S. 95).

Edisons Quadrant widmet sich „anwendungsorientierten“ Forschungsvorhaben und stellt damit Handlungswissen zur Verfügung – Beispiel hierfür wären die Montessori-Schulen. Das geeignete Steuerungsmittel ist die Fremdsteuerung, da das gewonnene Wissen direkt umgesetzt wird. Die untersuchten Fragestellungen werden von den Geldgebern vorgegeben. Die ausführenden Wissenschafter haben meist nur Einfluss auf die zu wählende Forschungsmethode. Fremdsteuerung von Forschungsprojekten findet man in den FuE-Abteilungen der Wirtschaft und in den Ressortforschungseinrichtungen von Behörden (vgl. ebd., S. 96).

Pasteurs Quadrant behandelt „anwendungsorientierte Grundlagenforschung“, die ihr Augenmerk sowohl auf Anwendung als auch auf Verständnis richtet. Das schafft Verfügungswissen und somit ist dieser Forschungstyp besonders geeignet für die Bewältigung sich abzeichnender gesellschaftlicher Probleme. Erste Wahl bei der Forschungssteuerung ist die Hybridsteuerung, die „…einen Abgleich zwischen wissenschaftlich Möglichem und gesellschaftlich Nötigem…“ sicher stellt (Kölbel 2004, S. 97). In der Erziehungswissenschaft kann die „Design-Based Research“ zum Pasteurschen Quadranten zugeordnet werden. Wissenschafter versuchen darin Erkenntnis- und Nutzenziele miteinander zu verknüpfen. Ein weiterer Forschungstyp in diesem Bereich sieht Gabi Reinmann (2006, S. 14ff) in einer „grundlagenorientierten Anwendungsforschung“, nach dem Vorbild der Ingenieurswissenschaften. Diese erachtet Reinmann vor allem für die Lehr-, Lern- und Bildungsforschung für sehr fruchtbar.

Linnés Quadrant behandelt „phänomenorientierte Grundlagenforschung“, die allein durch Neugierde oder Anwendungsinteresse geleitet sind. Sie beschafft Faktenwissen, das einen Eigenwert hat. Es sind alle drei Forschungssteuerungen Selbst-, Fremd- und Hybridsteuerung möglich. Das geeignete hängt von der jeweiligen Forschungsfrage ab (vgl. Kölbel 2004, S. 98).

Abbildung 2: Quadrantenmodell der Forschungstypen (Kölbel 2004, S. 96)

5. Forschungssteuerung

Matthias Kölbel (2004) unterscheidet zwischen drei Arten von Forschungssteuerung, nämlich die Selbst-, die Fremd- und die Hybridsteuerung. Die Selbststeuerung geht davon aus, dass die Wissenschaft einen Selbstzweck hat. Die einzige Bestrebung ist die Mehrung von gesichertem Wissen. Gesteuert wird dies allein von der wissenschaftlichen Gemeinschaft, die Geldgeber haben keinen Einfluss auf die Mittelverwendung. Die Selbststeuerung zeigt sich in institutionellen Förderungen und als Projektförderung über Institutionen wie z.B. die DFG (Deutsche Förderungsgesellschaft). Bei der Fremdsteuerung wird generiertes Wissen ökonomisch verwertet. Die Fragestellungen werden von den Geldgebern vorgegeben, die Wissenschafter haben nur geringen Einfluss darauf. Die Wahl der Untersuchungsmethoden können jedoch die durchführenden Forscher treffen. Fremdsteuerung von Forschungsprojekten findet man in den FuE-Abteilungen der Wirtschaft und in den Ressortforschungseinrichtungen von Behörden. Die Hybridsteuerung ist eine Mischung aus Elementen der Fremd- und Selbststeuerung. Im Forschungsprojekt wird sowohl das Wissen von Forschern als auch das Interesse von Anwendern gleichermaßen berücksichtigt. Die Hybridsteuerung kommt vor allem bei staatlichen Forschungsförderprogrammen zur Anwendung. Welches Steuerungsverfahren für das Forschungsprojekt eingesetzt wird hängt vom Forschungstyp ab (siehe Abbildung 2) (vgl. Kölbel, S. 95).

6. Literatur

Fischer F./ Waibel M. / Wecker C. (2005): Nutzenorientierte Grundlagenforschung im Bildungsbereich. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 8.Jahrg., Heft 3/2005, S. 427-442

Kölbel, Matthias (2004): Wissensmanagement in der Wissenschaft. S.89 – 101 Verfügbar unter: http://www.wissenschaftsforschung.de/JB04_89-101.pdf (letztes Abrufdatum: 10.03. 2009)

Prechtl, Peter (Hrsg.) / Burkard, Franz-Peter (1999): Metzler Philosophie Lexikon: Begriffe und Definitionen. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. Stuttgart, Weimar: Verlag J.B. Metzler

Stokes, Donald E. (1997): Pasteur’s Quadrant: Basic Science and Technological Innovation. Washington: Brookings Institution Press.

Reinmann, Gabi (2006): “Nur ‘Forschung danach’ ? Vom faktischen und potentiellen Beitrag der Forschung zu alltagstauglichen Innovationen beim E-Learning.“ Verfügbar unter: http://medienpaedagogik.phil.uni-augsburg.de/downloads/arbeitsberichte/Arbeitsbericht14.pdf (letztes Abrufdatum: 10.03.2009)

Abbildung 1: Fischer F./ Waibel M. / Wecker C. (2005): Nutzenorientierte Grundlagenforschung im Bildungsbereich. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 8.Jahrg., Heft 3/2005, S. 432

Abbildung 2: Kölbel, Matthias (2004): Wissensmanagement in der Wissenschaft. S.96 Verfügbar unter: http://www.wissenschaftsforschung.de/JB04_89-101.pdf (letztes Abrufdatum: 10.03.2009)