Feministischen Erziehungswissenschaft
Feminismus
Barbara Rendtorff bezeichnet „Feminismus“ treffend als eine Theorie und/oder eine Bewegung, die zwei Ziele hat. Einerseits die „Abschaffung“ der gesellschaftlichen Unterdrückung, Benachteiligung und Geringerschätzung von Frauen und andererseits eine grundlegende Veränderung des gesellschaftlichen Normen- und Wertesystems auf der Basis einer gleichen Wertschätzung von Frauen und Männern und damit die Anerkenntnis, dass die historische Vorherrschaft von Männern ihre Spuren in den Theoriekonzepten, politischen Konzepten und den Selbstbildern der Individuen hinterlassen hat (vgl. Rendtorff, S 180-181).
Erziehungswissenschaft
Die „Erziehungswissenschaft“ (Pädagogik) kann als „Wissenschaft der Erziehung“ bezeichnet werden. Barbara Rendtorff definiert die „Erziehungswissenschaft“ als Theorie, die sich mit pädagogisch relevanten Prozessen bzw. Institutionen befasst und mit den historisch-gesellschaftlichen Kontexten, in denen diese entstanden sind bzw. gedacht worden sind (vgl. Rendtorff, S 181).
Feministischen Erziehungswissenschaft
Im Kontext der Erziehungswissenschaft wird Feminismus als kritische Perspektive auf die Pädagogik insgesamt verstanden und zwar inwieweit geschlechterbezogene Dimensionen eine Rolle spielen und diese bei der Entwicklung pädagogischer Maßnahmen und Konzepte zu berücksichtigen sind (vgl. Rendtorff, S 181).
Geschlechterhierarchie in der Geschichte der Erziehung
In den wissenschaftlichen und alltäglich- lebensweltlichen Theorien setzte sich die aufklärerische Variante der Polarisierung der Geschlechter ( „Geschlechtscharaktere“ ) durch und verlor erst in 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts an Überzeugungskraft. Dem Mann wird der Produktionsbereich (Aktivität und Rationalität - Geist) zugeordnet und der Frau die private Reproduktion (mit Passivität und Emotionalität - Natur). Dabei kommt es zur Transformation des Komplementären, zur Hierarchie durch Idealisierung und Diskriminierung. Die Reproduktion wird der Produktion unterstellt.
Die Frauen unterdrückende, hierarchische Geschlechterideologie lebt heute meist in subtileren Formen fort, sowohl in der Wissenschaft als auch in Bildungsinstitutionen. Überdies hat sich Geschlechterhierarchie zutiefst in Persönlichkeitsstrukturen niedergeschlagen und kommen in gelebten Interaktionen in Klassenräumen, auf Schulhöfen, in Jugendhäusern und Kindergärten alltäglich zum Ausdruck (vgl. Prengel, S 110).
Gegenstandsbereich
Die Feministische Pädagogik ist aus der neuen Frauenbewegung der 70iger Jahre hervorgegangen. Sie setzt sich für die Emanzipation der Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen ein und fordert eine Neugestaltung des Geschlechterverhältnisses in der Bildung. Dabei wird der Blick auf die patriarchalischen Strukturen des Bildungswesens und die großen Unterschiede in der Erziehung von Mädchen und Jungen gelenkt (vgl. Prengel, S 96).
Mit wissenschaftlichen Mitteln soll über die sozialen Verhältnisse aufgeklärt und an deren Veränderung mitgearbeitet werden. Für die Analyse gesellschaftlicher Strukturen und Problemlagen wird die Strukturkategorie `Geschlecht` als zentrales und innovatives Paradigma in den Wissenschaftsdiskurs eingeführt. Zudem geht es um die Analyse der Bedingungen von Wissensproduktion und somit um Erkenntniskritik (vgl. Wolf, S 332).
Michaela Ralser beschreibt in ihrem Vortrag im Rahmen einer Tagung zum Thema „Zukunft Erziehungswissenschaft“ im Oktober 2002 in Innsbruck die Feministische Erziehungswissenschaft: „Die Kategorie „Geschlecht“ als kritische Erkenntnisperspektive einzusetzen, Geschlecht und Geschlechtlichkeit als inner- und intrapsychischen Organisator auf dem Hintergrund der je historisch spezifischen Geschlechterordnung begreifen zu lernen, Erziehungsverhältnisse auch im Kontext von Geschlechterverhältnissen zu analysieren, sowie das daraus resultierende Selbst- und Weltverhältnis kritische zu reflektieren, war über die Zeit wesentlicher Orientierungspunkt der Feministischen Erziehungswissenschaft. Immer schon wurde damit mehr und anderes als eine präskriptive feministische Pädagogik verstanden.“ (Ralser, S 160)
Die Distanzierung von einer präskriptiven Pädagogik betont auch Annedore Prengel. Sie fordert, dass die Feministische Pädagogik den Mädchen und Frauen Freiräume eröffnet, ihre eigenen Visionen des Geschlechterverhältnisses zu entwickeln, dabei aber nicht entmündigende Vorgaben über den richtigen Weg macht (vgl. Prengel, S 138).
Die Fragestellungen der Feministischen Erziehungswissenschaft müssen sich aufs Ganze der Gesellschaft beziehen, wenn Erziehungswissenschaft danach fragt, „wie Menschen einer bestimmten Gesellschaft, Kultur und Zeit werden, geworden und gemacht worden sind, wie sie sich und ihre Umstände verändern können, wie und was sie lernen müssen, um einer denkbaren Möglichkeit ´des Menschen´ näher zu kommen, um also menschenwürdig leben zu können und sich dafür zu engagieren, dass auch andere das können – was auch immer das sein mag“ (Thürmer-Rohr, zitiert in: Wolf S 342).
Forschungsbereiche der Feministischen Erziehungswissenschaft
- geschlechtsspezifische Sozialisationsforschung der gesamten Lebensspanne
- geschlechtsspezifische Bildungsforschung
- geschlechtsspezifische Arbeitsteilung
- Familien- und Beziehungsforschung
- feministische Forschung im Bereich der Sozialpädagogik
- Mädchenbildung und –sozialarbeit
- historisch-pädagoische Frauenforschung
- feministische Forschung in der Integrationspädagogik
- Einfluss der Reproduktions- und Biotechnologie auf das Geschlechter-Verhältnis, Beziehungen und Lebensformen
Theorie und Praxis wollen aus feministischer Perspektive verändert werden. Auf der Praxisseite entstanden zum Beispiel Frauenprojekte im Bildungsbereich (Feministische Mädchenschulversuche) und im sozialpädagogischen Bereich (Frauenhäuser). Auf der Ebene der Theoriebildung kommt es zur Erarbeitung von Bereichstheorien, die ein pädagogisches Problem thematisieren.
Mit dem für die Erziehungswissenschaft charakteristische Konflikt einerseits praktisch-pädagogisches Handeln anleiten zu sollen und andererseits die Wissenschaftlichkeit eigener Theoriebildung nachzuweisen, sieht sich auch die Feministische Erziehungswissenschaft konfrontiert (vgl. Wolf, S 343-345).
Pluralität feministischer Pädagogik:
Feministische Wissensbildung konzentrierte sich bisher auf die Erarbeitung einer politischen Theorie, einer Gesellschaftsanalyse und –theorie und einer Erkenntnis- und Wissenschaftskritik. Wobei alle drei Theoriebereiche durch uneinheitliche und konkurrierende Ansätze gekennzeichnet sind (vgl. Wolf, S 333).
Alle Ansätze, die den Titel „feministisch“ beanspruchen, befassen sich mit dem Thema: Gleichheit und Differenz. Wobei, vereinfacht ausgedrückt, für Vertreterinnen der Gleichheitsoption Berufstätigkeit und Aufstieg in wirtschaftlichen und politischen Hierarchien das Kriterium der Emanzipation ist und Vertreterinnen der Differenzoption sich eher um eine gesellschaftliche Anerkennung der Lebensweisen der Frauen bemühen.
Vertreterinnen der Pluralitätstheorie denken beide Positionen zusammen. Gleichheit zwischen Frauen und Männern kann es nicht ohne die Akzeptanz von Differenz geben und Differenz kann nicht ohne die Basis gleicher Rechte Wertschätzung erfahren (vgl. Prengel, S 131-132).
Seit Anfang der 90iger nimmt die Kritik am Differenz-Konzept zu. Die häufigsten Argumente sind: „Die Kategorien ´Frau´ und ´Zweigeschlechtlichkeit´ sind Konstruktionen.“ ( Prengel, S 135) In diesen Ansätzen werden Utopien der Geschlechtslosigkeit und die Konstruktion unendlich vieler Geschlechter favorisiert. Laut Annedore Prengel kann nicht davon ausgegangen werden, dass wenn Weiblichkeit nicht als biologisch gedachte Gegebenheit eindeutig bestimmbar ist, sie gar nicht existiert. Sie findet es zwar verlockend Geschlechtermauern fallen zu sehen, aber befürchtet, dass das, was geschlechtslos, geschlechtsneutral bezeichnet wird, zum Schluss nichts anderes als die Assimilation an Männernormen von Individualität sein wird (vgl. Prengel, S 135-138).
Die feministische Perspektive
Eine feministische Erziehungswissenschaft als Gesamttheorie der Pädagogik kann und soll es nicht geben. Theoriebildung in einer feministischen Wissenschaft soll laut Wolf nicht zu einer Einzelwissenschaft führen, sondern in Kooperation mit Forscherinnen anderer Wissenschaftsdisziplinen – als interdisziplinärer „Knotenpunkt“ erarbeitet werden. Somit stellt sich die Frage der feministischen Erkenntniskritik im interdisziplinären Zusammenhang und diese Erkenntniskritik führt die theoretischen Grundströmungen zusammen und ist entscheidender Bezugspunkt für feministische Forschungsunternehmungen in der Erziehungswissenschaft. Feministische Erkenntniskritik analysiert die Praxis männerbündischer Wissensbildung, den Androzentrismus der abendländischen Wissenschaftskonzeption und den immer noch offenen Sexismus, in der Art und Weise, wie Frauen zum Gegenstand eben dieses Wissens werden (vgl. Wolf, S 333-335).
Auch Barbara Rendtorff meint es kann keine feministische Erziehungswissenschaft im engern Sinne (als Einspruchsfigur) geben, „wohl aber eine feministische Perspektive auf Erziehungswissenschaft, die die Wirkmächtigkeit der Geschlechtlichkeit der Menschen auf individueller Ebene sowie der Geschlechterordnung auf symbolischer und gesellschaftlicher Ebene reflektiert, die beobachtet, inwieweit sich die Interpretationen verändern, wenn Geschlecht als Bezugspunkt in der Analyse auftaucht und dies dann innovativ für die Disziplin ausarbeitet.“(Rendtorff, S 183)
Literatur
Annedore Prengel: Pädagogik der Vielfalt, 2. Aufl., Leske und Budrich, Opladen 1995
Michaela Ralser, In: Bernhard Rathmayr, Michaela Ralser, Zukunft Erziehungswissenschaft, Studia Universitätsverlag, Innsbruck, 2003, S 160-178
Barbara Rendtorff, In: Bernhard Rathmayr, Michaela Ralser, Zukunft Erziehungswissenschaft, Studia Universitätsverlag, Innsbruck, 2003, S 179-192
Maria Wolf, In: Helmwart Hierdeis, Theo Hug, Taschenbuch der Pädagogik 2, 5. Aufl., Schneider Verlag Hohengehren, 1997, S 332-349