Medienpädagogik - Konzepte, Themen und Perspektiven

Begriff

Der Begriff ‚Medienpädagogik’ kann als Sammelbezeichnung für alle theoretisch und praktisch motivierten Beschäftigungen mit Medien in pädagogischen Kontexten aufgefasst werden. Das Spektrum der Bemühungen ist entsprechend breit und umfasst sehr unterschiedliche Verständnisse von Medienpädagogik als

  • medienerzieherisches Handeln auf der Basis pädagogischer Alltagstheorien oder wissenschaftlicher Theorien,
  • praktisches Arbeits-, Berufs- oder Tätigkeitsfeld, in dem es um die medienpädagogische Versorgung von Institutionen geht,
  • Bereich schulischer Bildung, in dem Medien und medienbezogene Fragen zu Unterrichtsgegenständen werden,
  • Teilbereich der Erziehungs-, Kommunikations- und Medienwissenschaft in Gestalt von Lehre und Forschung.

Medienpädagogik wird heute überwiegend als Teildisziplin der Erziehungswissenschaft, teilweise auch als Bereich der anwendungsorientierten Medien- oder Kommunikationswissenschaft, und seltener als bereichsbezogene Konkretisierung der Allgemeinen Pädagogik oder der Bildungstheorie aufgefasst. Engere Verständnisse heben auf eine pädagogisch konzipierte Medienpädagogik ab1), weitere Verständnisse favorisieren inter- und transdisziplinäre Zugänge sowie eine Bearbeitung der Schnittstellen des Aufwachsens, der Arbeit, der Bildung, der Erziehung, des Lernens und der Verständigungsprozesse zu den medialen Entwicklungen im Rückgriff auf sozial-, medien-, kommunikations- und kulturwissenschaftliche Denkangebote.2)

Geschichte

Der Einsatz von Medien als materielle und informative Lehr- und Lernhilfen ist uralt. Der Sache nach werden die Anfänge der Medienpädagogik zumeist mit dem Einsatz von Tafel und Kreide in den mittelalterlichen Klosterschulen angesetzt, wobei in der pädagogischen Theoriegeschichte sehr unterschiedliche Medienbewertungen entfaltet worden sind.3) Häufig korrespondieren mit der Einführung neuer Medientechnologien und –angebote zunächst skeptische Argumentationen (Bsp. Jugendschriftenbewegung, „Schmutz- und Schundkampf“, Kinoreformbewegung, Schulfernsehen, „lost in hyperspace“), die erst nach einer gewissen Zeit relativiert werden. Explizit ist seit den 60er Jahren von Medienpädagogik die Rede. Sie hat sich seither an vielen Universitäten und Hochschulen etabliert, wobei die theoretischen Orientierungen, Fragestellungen und Zuständigkeiten Hand in Hand mit mit Technologieschüben, Mediendynamiken und dem gesteigerten gesellschaftlichen Bedarf an medienbezogenen Reflexions– und Orientierungsangeboten ausdifferenziert worden sind.

Themen- und Gegenstandsbereiche

Die aktuellen Entwicklungen machen die Ausweitung des Gegenstandsbereichs über ältere Auffassungen der Konzentration auf schulische, unterrichtstechnologische oder etwa jugendschützerische Dimensionen hinaus deutlich. Während es lange Zeit hauptsächlich um Medieneinflüsse auf Kinder und Jugendliche ging, finden heute Formen der Mediennutzung aller Altergruppen im Sinne einer Pädagogik als „Lebenslaufwissenschaft“ Beachtung. Vormals geschlechtsblinde Konzeptionen wurden durch geschlechterdifferenzierende Fragestellungen abgelöst, und die Beschränkung auf regionale oder nationale Perspektiven wird seit einigen Jahren durch die Berücksichtigung transnationaler, globaler und interkultureller Perspektiven überwunden. Die Ausweitung des Gegenstandsbereichs lässt sich auch anhand von aktuellen Fragestellungen exemplarisch verdeutlichen:

  • Wie kann emotionales und soziales Lernen in gelingender Weise mit informationstechnischer Bildung verknüpft werden?
  • Wie kann die Entwicklung eines sozial verantwortlichen Zusammenspiels von „digital fluency“ und kritischer Reflexions-, Orientierungs- und Gestaltungskompetenz befördert werden?
  • Welche Konsequenzen hat die massenhafte Verbreitung trivialer Medienangebote und welche neuen Formen differenzierter Mediennutzung zeichnen sich ab?
  • Wie können absehbare Mediendynamiken in formellen und informellen Bildungsprozessen auf Mikro-, Meso- und Makroebenen berücksichtigt werden?
  • Wie verändern sich die Sozialisationsbedingungen, Lern- und Kommunikationsverhältnisse mit den aktuellen Prozessen der Individualisierung, Globalisierung und Virtualisierung?

Traditionell werden unterschiedliche Gegenstandsbereiche wie Medienerziehung, Mediensozialisation, Mediendidaktik, Medienkunde und Medienforschung differenziert. Als Aufgabenbereiche für die Medienerziehung formuliert beispielsweise Tulodziecki (1997) die folgenden:4)

  • Medieneinflüsse erkennen und aufarbeiten
  • Medienbotschaften verstehen und bewerten
  • Medienangebote unter Abwägung von handlungsalternativen auswählen und nutzen
  • Medien selbst gestalten und verbreiten
  • Medien hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung analysieren und beeinflussen

Heute werden solche Differenzierungen unterschiedlicher Gegenstandsbereiche angesichts medialer und gesellschaftlicher Dynamiken sowie mehrfacher Kontextualisierungen medienpädagogischer Topoi auch kritisiert. Thomas A. Bauer etwa erklärt sie für veraltet und umschreibt den Kompetenzbereich der Medienpädagogik wie folgt:

„Die kritische Analyse der Bildung von Kommunikationskultur und der Kommunikation von Bildung unter den Bedingungen einer medienvermittelten Gesellschaft ist der fachlich ‚abgrenzbare’ Kompetenzbereich der Medienpädagogik.“ 5)

Im Zuge der Ausdifferenzierungen medienpädagogischer Gegenstandsbereiche ist seit den 70er Jahren der Ausdruck ‘Medienkompetenz’ zum Schlüsselbegriff avanciert. Er wird inzwischen in auch politischen, psychologischen, soziologischen, juristischen und wirtschaftlichen Diskurszusammenhängen in sehr unterschiedlicher Weise verwendet.

Modelle und theoretische Ansätze

Eine explizit formulierte und gemeinhin akzeptierte Theorie der Medienpädagogik liegt nicht vor und ist auch nicht in Sicht. Das Feld zeichnet sich vielmehr durch ein buntes Spektrum verschiedener theoretischer Bemühungen aus, die an unterschiedliche Theorietraditionen in den Erziehungs-, Sozial-, Kultur- und Medienwissenschaften anschliessen. Dabei lassen sich insbesondere die folgenden Argumentationslinien und konzeptionellen Grundmuster unterscheiden:6)

  • Bewahrpädagogisch-jugendschützerische Freizeitkontrolle
  • Aufklärerische Analyse und Kritik der Medienindustrie
  • Anleitung zur praktische, alternativen Medienarbeit
  • Sozialökologische Analyse der alltäglichen Umgangsweisen mit Medien
  • Lernangebot im Sinne einer informations- und kommunikationstechnologischen Qualifizierung

In den entsprechenden Ansätzen werden Zielkategorien wie z.B. Bewahren, Informieren, Sensibilisieren, Aktivieren, Emanzipieren oder Funktionalisieren unterschiedlich gewichtet und fokussiert.7)

Tendenzen und Perspektiven

Die neueren Fragestellungen und Ansätze werden zumeist in Auseinandersetzung mit Nachbardisziplinen der Medien- und Kommunikationswissenschaft, Medienpsychologie, Medienphilosophie, Medienanthropologie und Angewandten Informatik entwickelt. Manche Bereiche werden tendenziell sozialpädagogisch akzentuiert, andere werden lernpsychologisch ausgerichtet oder unterwandert, und wiederum andere firmieren – teils unter dem Primat didaktischer Orientierungen, teils in mehr technologie-getriebener Weise in Form von „E-Aktivitäten“. In metatheoretischer Hinsicht ergeben sich besondere Herausforderungen im Lichte des mediatic turn.8) Denkfiguren und Argumentationsmuster, die das Verhältnis von Wirklichkeit und Medienwirklichkeit so darstellen, als ob Medien zur „eigentlichen“ Wirklichkeit gleichsam hinzukommen könnten oder auch nicht, sind fragwürdig geworden. Die grundlegende Medialität unserer Selbst- und Wirklichkeitsbezüge im Zusammenhang technologischer und medienkultureller Entwicklungsdynamiken ist mit neuen theoretischen und praktischen Herausforderungen verbunden, die es anzunehmen gilt. Dies betrifft nicht zuletzt auch die Frage nach der Professionalisierung der Medienpädagogik.9) Angesichts der Ausdifferenzierung medienpädagogischer Arbeits- und Handlungsfelder ist Medienpädagogik auch als Beruf 10) im Plural zu denken.


Literatur (ausgewählte deutschsprachige Einführungen und Überblickswerke)

Aufenanger, Stefan (2004): Medienpädagogik. Stuttgart: Kohlhammer.

Aufenanger, Stefan (2006): Medienpädagogik. In: Krüger, Heinz-Hermann & Grunert, C. (Hrsg.): Wörterbuch Erziehungswissenschaft. Opladen & Framington Hills: Barbara Budrich (UTB 2556), S. 298-303.

Baacke, Dieter (1997): Medienpädagogik. Tübingen: Niemeyer.

Barsch, Achim & Erlinger, Hans Dieter (2001): Medienpädagogik. Eine Einführung. Stuttgart: Klett-Cotta.

Baumann, Thomas (2005): Medienpädagogik, Internet und eLearning. Entwurf eines integrativen medienpädagogischen Programms. Zürich: Verl. Pestalozzianum.

Hoffmann, Bernward (2003): Medienpädagogik. Eine Einführung in Theorie und Praxis. Paderborn: Ferdinand Schöningh (UTB).

Hug, Theo (2002): Medienpädagogik – Begriffe, Konzeptionen, Perspektiven. In: Rusch, Gebhard (Hrsg.): Einführung in die Medienwissenschaft. Opladen: Westdt. Verlag, S. 189-207, http://www.european-mediaculture.org/fileadmin/bibliothek/deutsch/hug_begriffe/hug_begriffe.pdf

Hüther, Jürgen & Schorb, Bernd (Hrsg.) (2005): Grundbegriffe Medienpädagogik. 4. Auflage, München: KoPäd.

Kleber, Hubert (2005): Perspektiven der Medienpädagogik in Wissenschaft und Bildungspraxis. München: KoPäd.

Moser, Heinz (2006): Einführung in die Medienpädagogik. Aufwachsen im Medienzeitalter. 4. Auflage, Wiesbaden: VS Verlag.

Paus-Haase, Ingrid; Lampert, Claudia & Süss, Daniel (Hrsg.) (2000): Medienpädagogik in der Kommunikationswissenschaft. Positionen, Perspektiven, Potenziale. Wiesbaden: Westdt. Verlag.

Tulodziecki, Gerhard (1997): Medien in Erziehung und Bildung. Grundlagen und Beispiele einer handlungs- und entwicklungsorientierten Medienpädagogik. 3. Auflage, Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Vollbrecht, Ralf (2001): Einführung in die Medienpädagogik. Weinheim / Basel: Beltz.

Internetquellen

Online-Zeitschrift für Medienpädagogik: www.medienpaed.com GMK Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur: http://www.gmk-net.de

Kommission Medienpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft: http://dgfe.pleurone.de/ueber/sektionen/sektion12/mpkomm

Österreichisches Portal zur Medienpädagogik

Mediamanual.at

Deutscher Bildungsserver: Subportal Medien und Bildung

Mediaculture-online: Internetportal für Medienpädagogik und Medienkultur

http://www.medienpaed.com/ Medienpädagogik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung

Medienpädagogik im Fachportal Pädagogik: Literatur, Onlineressourcen, Fakten

JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis Medienbildung in der Grundschule, LandesMedienZentrum Rheinland-Pfalz: Modelle und Praxisbeispiele für Computer-, Video, Audio- und Fotoarbeit in der Grundschule

Metaversa e.V. - Verein für Medien, Bildung und Kultur - Berliner Verein zur Förderung von Medienbildung und Medienpädagogik

Computermedienpädagogik in Praxis und Theorie im Studienzentrum Josefstal

Förderpreis Medienpädagogik für die Bundesländer BW und RP der Stiftung MedienKompetenz Forum Südwest

www.mediaeducation.net Medienpädagogik mit Fächerbezug

Informationssystems Medienpädagogik (ISM) – Datenbanken zum Thema Medienkompetenz: http://www.ism-info.de/


Weitere Stichworte zur Medienpädagogik und ihren Bezugswissenschaften

1) Vgl. Merkert, Paul Rainald (1997): Medienpädagogik. In: Hierdeis, Helmwart & Hug, Theo (Hrsg.): Taschenbuch der Pädagogik. Bd. 3, 5. Auflage, Baltmannsweiler: Schneider–Verlag–Hohengehren, 1997, S. 1057-1066.
2) Vgl. Hug, Theo: Medienpädagogik – Begriffe, Konzeptionen, Perspektiven. In: Rusch, Gebhard (Hrsg.): Einführung in die Medienwissenschaft. Opladen: Westdt. Verlag, 2002, S. 192.
3) Vgl. Wokittel, Horst (1994): Medienbegriff und Medienbewertungen in der pädagogischen Theoriegeschichte. In: Hiegemann, Susanne & Swoboda, Wolfgang H. (Hrsg.): Handbuch der Medienpädagogik. Theorieansätze – Traditionen – Praxisfelder – Forschungsperspektiven. Opladen: Leske & Budrich; S. 25-36.
4) Tulodziecki, Gerhard (1997): Medien in Erziehung und Bildung. Grundlagen und Beispiele einer handlungs- und entwicklungsorientierten Medienpädagogik. 3. Auflage, Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 1997, S. 142ff bzw. http://www.mediaculture-online.de/Gerhard-Tulodziecki.376.0.html (Stand: 22-11-07).
5) Thomas A. Bauer (2003): Medienpädagogik als Mediationsagentur zwischen Medienökonomie und Medienkultur. In: Altmeppen, Klaus-Dieter & Karmasin, Matthias (Hrsg.): Medien und Ökonomie. Bd. 1/1: Grundlagen der Medienökonomie: Kommunikations- und Medienwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft. Wiesbaden: Westdt. Verlag, S. 115-138. Internet-Dokument, abrufbar unter http://www.thomasbauer.at/tab/media/pdf/artikel/MedienPadagogik_Medienokonom.pdf (Stand: 22-11-07).
6) Swoboda, Wolfgang H. (1994): Medienpädagogik. Konzeptionen, Problemhorizonte und Aufgabenfelder. In: Hiegemann, Susanne & Swoboda, Wolfgang H. (Hrsg.): Handbuch der Medienpädagogik. Theorieansätze – Traditionen – Praxisfelder – Forschungsperspektiven. Opladen: Leske & Budrich; S. 11-24.
7) Hüther. Jürgen & Schorb, Bernd (2005): Medienpädagogik. In: Hüther, Jürgen & Schorb, Bernd (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. 4. Auflage, München: KoPäd, S. 269-276.
8) Hug, Theo (2007): Medienpädagogik unter den Auspizien des mediatic turn – eine explorative Skizze in programmatischer Absicht. In: Sesink, Werner u. a. (Hrsg.) (2007): Jahrbuch Medien¬pädagogik 6: Medienpädagogik – Standortbestimmung einer erziehungswissenschaftlichen Disziplin. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 10-32.
9) Vgl. Hugger, Kai-Uwe (2001): Medienpädagogik als Profession. Perspektiven für ein neues Selbstverständnis. München: KoPäd Verlag.
10) Vgl. Neuß, Norbert (Hrsg.) (2003): Beruf Medienpädagoge. Selbstverständnis – Ausbildung – Arbeitsfelder. München: KoPäd Verlag.