Web 2.0 und Rekrutierungsprozesse
Der vorliegende Text beschäftigt sich mit dem Thema „Web 2.0 und Rekrutierungsprozesse“. Konkret wird dabei beleuchtet, inwieweit Informationsrecherchen im Internet Auswirkungen auf die Bewerbungen von Kandidaten haben und inwieweit Web 2.0 Werkzeuge als Bewerbungsformen in Frage kommen können. Herr Dr. Mirko Udovich blickt auf eine langjährige Erfahrung als selbstständiger Personalberater in seiner Personalagentur „Staff & Line“ mit Sitz in Kaltern (Südtirol) zurück und erklärte sich für ein Interview zu diesem Thema bereit. Der erste Teil setzt sich in theoretischer Form mit Themen des Web 2.0 auseinander, um dann in späteren Abschnitten konkret auf die Meinung von Herrn Dr. Udovich zu diesem Thema einzugehen.
Web 2.0 - Definitionen und Begrifflichkeiten
Die weit verbreitete Annahme, dass Web 2.0 eine neue technische Version des World Wide Web (WWW) darstellt, ist falsch. Vielmehr bezieht sich der Begriff Web 2.0 auf eine wahrgenommene Veränderung des WWW, die in den letzten Jahren feststellbar ist.
„Es entstand während eines Brainstormings zwischen dem O' Reilly Verlag und MediaLive International. Der Vizepräsident von O' Reilly, Dale Dougherty, stellte dabei fest, dass das Internet durch das Zerplatzen der Dotcom-Blase 2000 nicht zusammengebrochen war, sondern heutzutage wichtiger denn je sei. Der seither festzustellende Wandel des WWW wurde mit einem starken Schlagwort belegt: 'Web 2.0'“ (Ebersbach, Glaser & Heigl 2008, S. 23). Im Jahr 2004 fand daraufhin die erste Web 2.0-Konferenz statt und seitdem verbreitet sich der Begriff Web 2.0 rasant im Internet. Aufgrund der rasanten Verbreitung und der Unschärfe des Begriffs ist auch eine zunehmende Bewerbung von Produkten unter dem Schlagwort „Web 2.0“ feststellbar. Dies soll dazu führen ein zunehmendes Interesse der Bevölkerung zu gewinnen. Tim O' Reilly hat aufgrund dieser Bewegungen ein Jahr nach der Konferenz versucht den Begriff Web 2.0 anhand von sieben Punkten zu konkretisieren. Diese sieben Punkte werden nun in komprimierten Form dargestellt (vgl. Ebersbach, Glaser & Heigl 2008, S. 23ff):
- Das Web als eine Service-Plattform: Das WWW ermöglicht es zunehmend durch seine verschiedenen Funktionalitäten alltägliche Arbeiten zu erledigen. So können z.B. Terminplanungen und Bildverarbeitungen direkt im Internet abgelegt werden.
- Die Einbeziehung der kollektiven Intelligenz der Nutzer. Jeder Nutzer kann nun Inhalte im Netz veröffentlichen und nicht mehr nur der Betreiber selbst.
- Im Mittelpunkt der Anwendungen stehen die Daten. Die Inhalte im WWW sind wichtiger als ihre Darstellung, da das Kapital der Webanwendungen von der Qualität und Quantität der Daten abhängig ist.
- Neue Formen der Softwareentwicklung. Im Web 2.0 wird eine Software als Service angeboten. Durch diese Veränderung profitieren die Entwickler auf mehreren Ebenen: schnelleres Feedback, schnelleres Erproben der Anwendungen und dadurch schnellere Umsetzung neuer Ideen.
- Leigtweight Programming Models. Daten werden über einfache HTTP- oder Web-Service Schnittstellen einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Dadurch lassen sich verschiedene Daten vermischen und in eine neue Form bringen. Das Ergebnis sind so genannte Mashups, die die Inhalte unterschiedlicher Internetanwendungen verbinden.
- Die Software ist auf vielen Geräten nutzbar. Die Software kann nicht nur auf einem PC zur Anwendung kommen, sondern auch auf mobilen Geräten.
- Rich User Experience. Dieser Punkt hängt mit dem ersten Punkt zusammen, konzentriert sich dabei aber konkret auf die Bedienbarkeit der Software. Die Usability konnte enorm gesteigert werden, dies ist darauf zurückzuführen, dass Webapplikationen nun schon genau so angewendet werden können, wie Anwendungen die auf einem lokalen Server installiert sind.
Das waren jetzt die sieben Punkte von Tim O' Reilly. Heutzutage können aber noch drei weitere wichtige Aspekte angeführt werden: die Rechtslage, neue Geschäftsmodelle und die Ästhetik der Webseiten. Im Folgenden werden nun Weblogs, Wikis und Podcasts als Beispiele für Web 2.0 kurz erläutert.
Weblogs, Wikis und Podcasts als Bespiele für Web 2.0
Unter einem Wiki versteht man eine „webbasierte Software, die es allen Betrachtern einer Seite erlaubt, den Inhalt zu ändern, indem sie diese Seite online im Browser editieren. Damit ist das Wiki eine einfache und leicht zu bedienende Plattform für kooperatives Arbeiten an Texten und Hypertexten“ (Ebersbach, Glaser & Heigl 2008, S. 35f). Merkmale eines Wikis sind (vgl. Ebersbach, Glaser & Heigl 2008, S. 37):
- Jeder darf Inhalte editieren.
- Je nach Konfiguration des Wiki-Systems können Beiträge anonym oder nur mit Registrierung erstellt werden.
- Keine strukturierte Form der Daten.
- Die Nutzer sind für die Ordnung der Texte zuständig.
- Die Nutzer haben sowohl die Möglichkeit eine neue Seite anzulegen als auch die Verweisstruktur zu verändern.
- Es ist stets die neueste Version zu sehen.
- Der Benutzer als Person steht nicht im Vordergrund.
Der Name Podcast setzt sich zusammen aus den Begriffen „broadcast“ (= senden) und iPod (= MP3-Player der Firma Apple). „Als eine Weiterentwicklung und hörbare Variante der Weblogs erscheinen Podcasts regelmäßig als kleine Sendungen im Netz, können von ihren Hörern abonniert und jeder Zeit und überall mit einem beliebigen MP3-Player gehört werden. Die Themen erstrecken sich von Radio-Talkshows über Universitätsvorlesungen bis hin zu Rezitationen von Gedichten“ (Ebersbach, Glaser & Heigl 2008, S. 71).
„Weblogs (in Kurzform: Blogs) sind Online-Publikationen, die sich durch kurze, umgekehrt chronologisch angeordnete Einträge sowie eine starke Dialogorientierung auszeichnen und besonders expressive, authentische Ausdruckformen ermöglichen“ (Zerfaß & Boelter 2005, S. 20). Der Begriff Weblog setzt sich zusammen aus den Begriffen „Web“ und „Log“ (vgl. Fischer 2007, S. 7). Web steht dabei synonym für Internet und Log bezeichnet das englische Wort für Fahrten- bzw. Tagebuch. Die Verbindung dieser beiden Wörter zu einem Wort verdeutlicht schon die starke Bindung von Weblogs zu ihren jeweiligen Autoren (vgl. Zerfaß & Boelter 2005, S. 20). Folgende Charakteristika sind für Blogs zutreffend (vgl. Ebersbach, Glaser & Heigl 2008, S. 57):
- Die Reihenfolge der Beiträge ist chronologisch umgekehrt,
- ein oder wenige Autoren und viele Kommentatoren,
- eher kurze Texte,
- Beiträge mit hoher Aktualität,
- leichte Bedienbarkeit und
- aufgrund der Vernetzung eine schnelle Verbreitung.
Mit diesen Ausführungen wird der allgemeine auf Theorie basierende Teil abgeschlossen. Die folgenden drei Abschnitte beziehen sich nun auf das geführte Interview mit Herrn Dr. Udovich.
Internetinformationen und Meinungsbildung über Bewerber
Da immer wieder die Rede davon ist, dass Personalberater und -leiter sich Informationen über die Bewerber im Internet holen, ist es nahe liegend, dass die erste Frage sich darauf bezog, wie Herr Dr. Udovich dies handhabt. In seiner Position als Personalberater holt er nur selten Informationen über Bewerber im Internet ein, da er die Zuverlässigkeit der Quellen in Frage stellt. Als Beispiel führt er die Internetseite 123people an. Das Problem ist, dass die zu findenden Informationen oft sehr vage und daher zu einem großen Teil auch nicht nutzbar sind. Vor allem kommt noch hinzu, dass auf solchen Internetseiten oft Informationen verschiedenster Personen zusammengewürfelt werden. Dies passiert z.B. wenn zwei Personen denselben Namen besitzen. Zusätzlich hält er nichts davon sich in Online-Communities wie z.B. Studi-VZ oder Facebook einzutragen, um leichter an Informationen über Bewerber zu kommen. Er ist der Ansicht, dass jene Personalberater die dies tun denken, dass sie einen Trick anwenden. Dies kann auch so sein, das stellt er nicht in Frage. Fraglich ist für ihn eher der Nutzen der sich daraus ergeben soll. Herr Dr. Udovich vertritt die Auffassung, dass Informationen aus dem Internet nicht nützlich sind, um einen Kandidaten zu bewerten und daher auch keinen Einfluss auf seine Meinungsbildung über einen Kandidaten haben. Für ihn steht ganz klar der persönliche Eindruck eines Kandidaten im Vordergrund und der lässt sich auch durch Internetinformationen nicht ersetzen.
Web 2.0 Anwendungen als Bewerbungsform
In erster Linie ist zu sagen, dass nicht für jede Berufsgruppe eine Bewerbung z.B. in Form eines Videos oder einer Homepage geeignet ist. So stellt sich die Frage, ob es für einen Kandidaten der sich für eine Position als Buchhalter bewirbt sinnvoll ist seine Bewerbung in Form eines Videos oder einer Webseite abzugeben. Webseiten oder Homepages sind insbesondere im grafischen Bereich nützliche und hilfreiche Bewerbungsformen, die aber eine normale Bewerbung mit Lebenslauf und Bewerbungsschreiben nicht ersetzen sollten. Sie können aber eine sinnvolle Ergänzung sein, insbesondere wenn darauf grafische Arbeiten des Bewerbers zu begutachten sind. Eine Homepage kann nämlich zur visuellen Verdeutlichung beitragen und daher eine bessere Vorstellungen von den bisherigen grafischen Arbeiten des Bewerbers vermitteln. In Zusammenhang mit einer Bewerbung in Form eines Videos stellt sich die Frage nach der Authentizität. Der Bewerber kann sich im Video verstellen und dadurch einen anderen – auch verfälschten – Eindruck von seiner Persönlichkeit vermitteln. Bezüglich Videoaufnahmen hat es aber einmal die Überlegung gegeben die Vorstellungsgespräche zu filmen und dann den Film den Bewerbungsunterlagen des Kandidaten beizulegen. Bisher wurde diese Überlegung noch nicht umgesetzt, da die Befürchtung im Raum steht den Kandidaten dadurch zu verunsichern. Diese Überlegung sollte aber nicht außer Acht gelassen werden. Es kann also festgehalten werden, dass Web 2.0 Anwendungen als Bewerbungsformen dann sinnvoll sind, wenn sie einen logisch nachvollziehbaren Bezug zur ausgeschriebenen Position aufweisen und dadurch gewisse Fähigkeiten und Fertigkeiten des Kandidaten veranschaulichen und untermauern.
Tipps für Bewerber
Da sich kein Bewerber sicher sein kann, ob über ihn Informationen im Internet gesammelt werden oder nicht, ist die beste Lösung vor einer Bewerbung selbst Informationen über sich im Internet zu suchen. Dadurch kann man sich besser auf die Bewerbung vorbereiten und unangenehme Situationen gegebenenfalls vorbeugen. Sucht man über sich selbst Informationen im Internet, weiß man was zur eigenen Person zu finden ist. Sollten Informationen auftauchen, die negative Auswirkungen bzw. negative Meinungen erzeugen könnten, sollte man versuchen diese Informationen aus dem Internet zu löschen. Da dies aber nicht so einfach und zeitweise auch kostspielig ist, gibt es immer noch die Möglichkeit sich Begründungen bezüglich der gefundenen Informationen zu überlegen, um dann im Bewerbungsgespräch, sollte das Thema darauf kommen, eine Erklärung bereit zu haben.
Allgemein gilt für Studenten in ihren Lebensläufen alle Praktika und Arbeitserfahrungen anzugeben, auch wenn es sich dabei um Sommerjobs wie Kellner oder Putzfrau handelt und im ersten Moment nicht relevant für die ausgeschriebene Position erscheinen. Der Grund dafür ist einfach: jede Berufserfahrung zeigt, dass der Kandidat schon Erfahrungen in einem Unternehmen gesammelt hat und daher weiß wie die Dinge in einem Unternehmen ablaufen. Ebenso zentral ist es nicht zu versuchen irgendwelche Informationen zu verstecken. Früher oder später kommen sie doch ans Licht, z.B. durch das Einholen von Referenzen oder eben auch hin und wieder durch Internetrecherchen. Deshalb ist es besser von Beginn an mit offenen Karten zu spielen. Dies betrifft auch das Thema der Studienzeit. Sollte jemand länger für sein Studium benötigt haben als vorgesehen, so gibt es meist einen Grund dafür. Dieser Grund, z.B. Eigenfinanzierung des Studiums und daher angewiesen auf eine Arbeit neben dem Studium oder Doppelstudium, kann ev. angeführt werden. Interessant sind bei Studenten immer auch die Auslandserfahrungen, die sie während des Studiums gesammelt haben. Diese sollten unbedingt in der Bewerbung ihren Platz finden, da sie z.B. auf erworbene Sprachkenntnisse hinweisen können. Ansonsten gilt natürlich, dass die eigenen Stärken und Vorteile hervorgehoben werden und dass auf eine angemessene Wortwahl, Sprache und Form der Bewerbungsunterlagen geachtet wird. Das Begleitschreiben sollte bei Studenten mit wenigen Berufserfahrungen nicht länger als eine Seite umfassen und sollte, wenn ein Bezug zwischen Studium und ausgeschriebener Position (z.B. Zusatzkurse, Spezialisierungen) besteht, diesen insbesondere hervorheben.
Fazit
Das Internet bieten einen Reichtum an Informationen, doch wie das Interview gezeigt hat, kann diese Art von Informationen nicht den persönlichen Eindruck eines Kandidaten ersetzen. Für Web 2.0 Anwendungen als Bewerbungsformen gilt die Regel sie dann einzusetzen, wenn sie einen Bezug zur ausgeschriebenen Position aufweisen und das Ziel verfolgen Kenntnisse des Bewerbers zu veranschaulichen. Als Abschluss möchte ich Herrn Dr. Udovich für das interessante Gespräch danken und auf die Homepage seiner Personalagentur „Staff & Line“ hinweisen, die zusätzlich zu den schon angeführten Bewerbungstipps noch nützlich Hinweise und Hilfestellungen zu unterschiedlichen Themen bezüglich Bewerbung bietet.
Literatur
Ebersbach, Anja, Glaser, Markus & Heigl, Richard (Hrsg.) (2008): Social Web. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH.
Fischer, Enrico (2007): Weblog & Co. Eine neue Mediengeneration und ihr Einfluss auf Wirtschaft und Journalismus. Saarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller.
Zerfaß, Ansgar & Boelter, Dietrich (2005): Die neuen Medienmacher. Weblogs als Herausforderung für Kampagnen, Marketing, PR und Medien. Graz: Nausner & Nausner Verlag.