Positivismusstreit

1. Definition

Als Positivismusstreit wird heute nachträglich der Disput zwischen den Anhängern des kritischen Rationalismus (Popper, Albert) und den Vertretern der kritischen Theorie (Habermas, Adorno) auf der Tübinger Arbeitstagung der deutschen Gesellschaft für Soziologie von 1961 bezeichnet. Kernpunkte des Streits waren die Frage der Wertfreiheit von Wissenschaft, die Möglichkeit der Isolation einzelner Daten aus der komplexen geschichtlich-gesellschaftlichen Totalität, die Bedeutung der gesellschaftlichen Entwicklung, die Stellung des Wissenschaftlers für Forschungsprozess, -ziel, -methode und -resultat, das Verhältnis von Empirie und Theorie und die Verantwortung des Wissenschaftlers für Auftrag und Verwertung seiner wissenschaftlichen Forschung. Zusammenfassend geht es um die Frage, ob wissenschaftliche Theorien die Wirklichkeit nur erklären sollen oder ob sie ein Instrument zur Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu Mündigkeit und Demokratie sind. (vgl. Böhm 2000, S. 15)

2. Die wissenschaftlichen Positionen

2.1. Der kritische Rationalismus

Der kritische Rationalismus beschreibt die Falsifikation und Intersubjektivität als wichtige Wissenschaftskriterien. Er versucht anhand von Hypothesen das Erkenntnisstreben voran zu treiben und Abbildtheorien der Wahrheit zu schaffen. Als wichtige Vertreter gelten Karl Popper und Hans Albert. (vgl. Scheerer und Seitz 2005, S. 16)

2.2. Die kritische Theorie

Die kritische Theorie hat ein emanzipatorisches Erkenntnisinteresse, das prinzipiell um den Abbau von Herrschaft bemüht ist. Das methodologische Programm versucht hermeneutisch und empirisch erzeugtes Wissen mit Wissenschafts- und Ideologiekritik zu verbinden. (vgl. Krüger 2006, S. 65) Die kritische Theorie hat einen emanzipatorischen Wahrheitsbegriff und geht davon aus, das jedes Handeln auch wertgebunden ist, deshalb kritisiert sie auch das Wertfreiheitspostulat des kritischen Rationalismus. (vgl. Scheerer und Seitz 2005, S. 17)

3. Die Werturteilsfreiheit

3.1. Argumente für die Werturteilsfreiheit

Der kritische Rationalismus geht davon aus, dass die Vermischung von Werturteilen und Sachaussagen hinderlich für die Ziele einer empirischen Wissenschaft sind und für die Anwendung von Wissenschaft auch überflüssig. Eine Trennung von Sach- und Wertaussagen ist sinnvoll, weil beide Arten von Aussagen in unterschiedlicher Weise diskutiert werden. Bei einer Vermischung erweckt der Wissenschafter den Eindruck, dass seine persönliche Stellungnahme in die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung miteinfließt. Dies sollte vermieden werden.

3.2. Argumente gegen die Werturteilsfreiheit

Die kritische Theorie gibt jedoch zu bedenken, dass eine Trennung von Wert- und Sachaussagen überhaupt nicht möglich ist, weil viele Aussagen beides sein können und jeder Begriff schon wertgeladen ist. Die Konsequenz des Wertfreiheitspostulats ist, dass der Wissenschaftler seiner politischen Verantwortung nicht gerecht werden kann. Außerdem ist anzumerken, dass eine Trennung von Werten und Sachaussagen, Theorien für beliebige Zwecke verwertbar macht und somit wissenschaftliche Ergebnisse wirkungslos sind. Die kritische Analyse einer Gesellschaft ist ohne eine Vermischung von Wert- und Sachaussagen gar nicht möglich.

3.3. Ein Kompromiss zur Abmilderung des Werturteilsstreit

Auf den ersten Blick scheinen solch gegensätzliche Positionen kaum vereinbar, doch besteht die Möglichkeit, dass man das Wertfreiheitspostulat auf den Kern der Forschung, nämlich auf die Theoriebildung und den Inhaltbereich begrenzt. Werturteile könnten auf der Metaebene, nämlich im Objektbereich und in der wissenschaftlichen Forschungspraxis zugelassen werden. (vgl. Scheerer und Seitz 2005, S. 18ff)

4. Kritik am Positivismusstreit

Der Positivismusstreit konnte generell wenig zur Klärung von Sachfragen beitragen. Er bestand meist aus Doppelmonologen und nicht aus echten Gesprächen. So wurden die Argumente des Diskussionsteilnehmer von der jeweils gegnerischen Seite nur selten gehört und aufgenommen. Der Positivismusstreit hat allerdings die Klärung und Abgrenzung von wissenschaftstheoretischen Standpunkten vorangetrieben. (vgl. Böhm 2000, S. 15)

Quellenverzeichnis:

Böhm, Winfried (2000): Wörterbuch der Pädagogik. Stuttgart

Krüger, Heinz-Hermann (2006): Einführung in Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Opladen und Farmington Hills

Scheerer, Sabine ; Seitz Jochen (2005): Werturteils- und Positivismusstreit, Logik der Forschung SS 2005. URL: www.soziologie.wiso.uni-erlangen.de/ss05/logfor/positivismus.pdf (Stand: 25.07.2008)


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