Wissenskluft
Ausgangshypothese
Dei Hypothese einer wachsenden Wissenskluft (Knowledge-Gap-Hypothesis) zwischen Segmenten der Bevölkerung mit hohem bzw. niedrigem sozioökonomischen Status wurde 1970 vom Forscherteam der Minnesota-University Phillip J. Tichenor, George A. Donohue und Clarice N. Olien erstmals vorgestellt:
Wenn der Informationszufluss von Massenmedien in ein Sozialsystem wächst, tendieren die Bevölkerungssegmente mit höherem sozioökonomischen Status zu einer rascheren Aneignung dieser Information als die statusniedrigeren Segmente, sodass die Wissenskluft zwischen diesen Segmenten tendenziell zu- statt abnimmt.“ (Tichenor et al., 1970)
Die Popularität der Wissenskluftforschung wird mit der Infragestellung der bis dahin weit verbreiteten Idealvorstellung des mündigen Bürgers erklärt. Es wurde davon ausgegangen, dass er sich mit Hilfe der von den Massenmedien bereitgestellten Informationen zur politischen Willensbildung umfassend informiert, um zu begründeter Urteilsbildung zu gelangen.
Auf bestehende Unterschiede im Informationsniveau und der Informationsbereitschaft einerseits, sowie unterschiedlichem politischem Engagement andererseits, hatten zu diesem Zeitpunkt bereits die Meinungsführerforschung und die politische Partizipationsforschung hingewiesen. Die Wissenskluftforschung erweiterte diese Perspektive um eine Zeitkomponente und um das formale Bildungsniveau als zentrale Erklärungsbedingung.
Tichenor et al. (1970) führte fünf theoretische Begründungen zur Erklärung der Ausgangshypothese an. Neben Medienkompetenz, wie bessere Lese- und Verstehensfertigkeiten und Vorwissen durch Schulbildung verfügen gebildete Personen über relevante soziale Kontakte, die durch interpersonale Kommunikation zusätzlichen Informationsfluss bringen können. Darüber hinaus gingen Tichenor et al. davon aus, dass ein höheres allgemeines Bildungsniveau zur gezielteren Inanspruchnahme von Medienangeboten führt und dass das Mediensystem selbst sich stärker an den Interessen und Vorlieben der status- und bildungshöheren Mediennutzer orientiert.
Als spezifizierende Rahmenbedingungen wurden wachsende Wissensklüfte hauptsächlich auf politische Probleme des öffentlichen Lebens sowie Berichte aus der Wissenschaft bezogen.
Weiterentwicklung der Ausgangshypothese
Im deutschen Sprachraum haben sich vor allem Heinz Bonfadelli und Ulrich Saxer mit der Wissensklufthypothese auseinander gesetzt. Die Erklärungskonzepte wurden differenziert durch eine Systematisierung der Basiskonzepte Wissen, Wissenskluft, Sozialstruktur und Informationszufluss (Bonfadelli 2002).
Nach Horstmann (1991) müssen die Aspekte Differenzierung des Wissensbegriffs, Relevanz und Distanz des Themas für den Mediennutzer, sowie die unterschiedliche Inanspruchnahme des Medienangebotes stärkere Beachtung finden.
Allgemein können makrotheoretische und mikrotheoretische Entwicklungslinien in der Weiterentwicklung der Wissenskluftforschung unterschieden werden (Bonfadelli 1987).
Makrotheoretisch- soziologische Entwicklungen stehen in der Tradition der Minnesota-Gruppe von Tichenor et al. und skizzieren ein strukturell-systemtheoretisches Modell, bei dem Macht und soziale Kontrolle von gesellschaftlicher Information im Zentrum stehen. Auf der mikrotheoretischen Ebene geht es um die Ermittlung von personenbezogenen Drittfaktoren, bzw. um psychische Prozesse als Mediatorvariablen, die beim Einfluss der Bildung auf die entstehende Wissenskluft eine Rolle spielen.
Kritik
Kritik an der Wissensklufthypothese führte zur Entwicklung der Differenzhypothese (Ettema, J. S. / Kliene, F. G. 1977), die an die Stelle des Erklärungsfaktors Bildung, Motivation und Interesse setzt. Damit hebt sie sich ab von ursprünglich normativen Vorstellungen, nach denen Wissensklüfte das Resultat fehlender oder mangelnder Nutzungskompetenzen sind (Bonfadelli 1987).
Wirtz (1997) verweist in seiner Kritik an der Differenzhypothese auf die Betrachtung von Motivation bzw. Interesse als unabhängige Wirkfaktoren, während ein Zusammenhang von Bildung mit diesen Faktoren nahe liegend sei.
Von ihren Kritikern wird die Wissenklufthypothese als ein Mittelschichtphänomen bezeichnet, da bis heute die Dimensionen Wissen, Bildung und sozialer Status ungenügend eingegrenzt seien und aus einer Mittelschichtsperspektive bewertet werden.
Die Wissensklufthypothese besitzt auch heute noch hohe Aktualität, besonders in Bezug auf die digitalen Medien, insbesondere die Internetnutzung. Unter dem Schlagwort “Digital Divide“ wird auf den unterschiedlichen Zugang zu digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien hingewiesen.
Literatur
- Bonfadelli, Heinz (1987): Die Wissenskluftforschung. In Schenk, M.: Medienwirkungsforschung. Mohr Siebeck. Tübingen.
- Bonfadelli, Heinz (2002): Die Wissenskluftforschung. In Schenk, M.: Medienwirkungsforschung. Mohr Siebeck. Tübingen.
- Ettema, James / Kliene, Gerald F. (1977): Deficits, Differences and Ceilings. Contingent Conditions For Understanding the Knowledge Gap. In: Communication and Research 4, S. 179-2002.
- Horstmann, Reinhold (1991): Medieneinflüsse auf politisches Wissen. Zur Tragfähigkeit der Wissenskluft-Hypothese. Dt. Univ. Verlag. Wiesbaden.
- Tichenor, Phillip J. et al. (1970): Mass Mediea Flow and differental Growth in Knowledge. In: The Puplic Opinion Quarterly 34, S. 159-170.
- Wirth, Werner (1997): Von der Information zum Wissen. Die Rolle der Rezeption für die Entstehung von Wissensunterschieden. Ein Beitrag zur Wissenskluftforschung. Opladen. (Studien zur Kommunikationswissenschaft, Band 23).
Weiterführende Literatur
- Jäckel, Michael (2005): Medienwirkungen. VS Verlag. Wiesbaden.
- Schenk, Michael (2002): Medienwirkungsforschung. Mohr Siebeck. Tübingen.
Weblinks
- http://www.uni-leipzig.de/~mediensp/seminar/11_Sommer.doc (Stand 2008-02-24).
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