MEDIENNUTZUNG VON KINDERN

1 Einleitung und Sensibilisierung

Bildschirme und Bildschirm-Medien gibt es schon lange. Dass sie einen wesentlichen Teil unseres Lebens ausmachen, ist jedoch neu. In Deutschlang gab es bis vor etwa 20 Jahren zwei bis drei Fernsehprogramme, die wochentags am späteren Nachmittag begannen und vergleichweise wenig Wahlmöglichkeiten beinhalteten. Computer gab es bis vor 20 Jahren praktisch noch gar nicht. Der Gebrauch von Bildschirmen beschränkte sich damit auf das Fernsehen und betrug 1970 weniger als zwei Stunden pro Tag. Während der letzten beiden Jahrzehnte stieg der Fernsehkonsum kräftig an auf deutlich mehr als drei Stunden pro Tag (vgl. http://mediaresearch.orf.at/internet.htm, 9.11.2008). Heute werden wir von kommerziellen Sendern mit Dutzenden von Programmen rund um die Uhr versorgt. Damit ist das Fernsehen das wichtigste Bildschirm-Medium. Der Computer ersetzt nach neueren Studien das Fernsehen nicht. Er kommt vielmehr noch hinzu.

1.1 Gerätebesitz und Mediennutzung der Kinder (Auszug)

Einmal pro Jahr erscheint die sogenannte KIM-Studie (Kinder und Medien), die durch den Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest erstellt wird. Hier wird die Mediennutzung von deutschen Kindern untersucht. Dabei werden sowohl die Kinder (und Jugendlichen, bei der JIM – Jugend und Medien) als auch die Eltern parallel zu den gleichen Themen befragt, so dass ein objektives Ergebnis der Untersuchung gewährleistet sein müsste. Dieser Studie zufolge nutzten 1998 noch durchschnittlich 18 Prozent der Jugendlichen im Alter von sechs bis 13 Jahren mehr oder weniger das Internet, im Jahr 2006 waren es bereits 70 Prozent. Diese Zahlen belegen, welchen Stellenwert das Medium Internet inzwischen in deutschen Kinderzimmern eingenommen hat (vgl. KIM 2006).

Ein Mobiltelefon war Mitte der neunziger Jahre noch eher ein Thema für Manager denn für Kinder, heute sind Kinder (bzw. v.a. Jugendliche) ohne Handy kaum mehr vorstellbar. Heutzutage kommt auch neuen Kommunikationsdiensten ein hoher Stellenwert in der Kommunikation und im Bewusstsein der Jugendlichen zu (vgl. KIM 2006).

Auch Musik spielt bei den Kindern eine große Rolle. Mädchen nutzen häufiger Musik-CDs und –kassetten sowie das Radio. Der MP3-Player wird dagegen etwas mehr von Jungen genutzt. Jungen sehen öfter Videos oder DVDs, Mädchen greifen häufiger zum Handy oder zur Digitalkamera. Besonders deutlich ist die Affinität der Mädchen zum Bücherlesen, fast die Hälfte der Mädchen (48 %), aber nur 28 Prozent der Jungen nehmen regelmäßig in ihrer Freizeit ein Buch zur Hand (vgl. KIM 2006).

2 DIE MEDIENANEIGNUNG

Ein Tag ohne Fernsehen, Computerspielen, Musikhören, im Internet surfen … für Kinder und Jugendliche ist das eine ziemlich unerfreuliche Vorstellung. Medien begleiten sie von klein auf und wecken Aufmerksamkeit und Wünsche. Ihre Botschaften und Handlungsoptionen werden daraufhin geprüft, ob sie für die eigenen Lebensvollzüge Taugliches zu bieten haben. Unter welchen Vorzeichen dies geschieht und welche Bedeutung die Medien gewinnen, entscheidet sich im Dreiecksverhältnis Medien – Subjekt – Gesellschaft. Dieses Dreieckverhältnis wird mit dem Begriff „Medienaneignung“ beschrieben.

Medienaneignung integriert zunächst die Nutzungsstrukturen, also z.B. Auswahl, Häufigkeiten, Präferenzen, darüber hinaus aber auch die Wahrnehmung, Bewertung und Verarbeitung der Botschaften und Handlungsoptionen, die Kinder und Jugendliche aus den von ihnen genutzten Medien herausfiltern. Die Ausprägung und Bedeutung dieser qualitativen Dimensionen erschließt sich erst, wenn man Einflussgrößen wie z.B. kognitive Reife, soziale Herkunft, kulturelle Verortung, Alltagsthemen u.Ä. berücksichtigt. Die Prozesse der Medienaneignung bilden den Kern medienpädagogischen Handelns in Forschung und Praxis (vgl. http://www.mediamanual.at/mediamanual/themen/impuls05.php, 10.11.2008).

2.1 Wie funktioniert Medienaneignung in der Kindheit?

Einige beispielhafte Linien geben Einblick in die Medienaneignung in der Kindheit: Bereits im 3. Lebensjahr beginnen Kinder, Wünsche in Bezug auf das Fernsehen zu äußern und nennen Sendungen, die sie mögen. Das Fernsehen favorisieren sie über die gesamte Kindheit hinweg. Es bleibt auch im Jugendalter das am häufigsten genutzte, aber nicht mehr das wichtigste Medium.

  • Auch der Computer tritt früh ins Blickfeld, jedoch primär als Spielgerät. Mit Beginn des Vorschulalters haben Kinder den PC bzw. andere elektronische Spielgeräte eigenständig in Gebrauch. Die Begeisterung hält vor allem bei Jungen bis weit ins Jugendalter an.
  • Am spätesten wird das Internet wichtig. Textlastigkeit und komplexe Strukturen stellen für jüngere Kinder Hürden dar, die sie alleine nicht überwinden können. In der zweiten Hälfte des Grundschulalters beginnt jedoch die Eroberung dieses Mediums und bis zum Eintritt des Jugendalters gehört es bei der Mehrheit zum täglichen Medienmenü und wird ohne fremde Hilfe in Gebrauch genommen.
  • Ab dem Vorschulalter sind die geistigen Fähigkeiten und instrumentellen Fertigkeiten für das aktive Arbeiten mit Medien ausgeprägt. Auch das entwickelt sich sukzessive: Überschaubare Fotogeschichten sind schon im Kindergarten möglich. Komplexere Videoproduktionen erst im Grundschulalter. Das aktive Arbeiten mit Medien öffnet einen pädagogischen Weg zur Förderung von Medienkompetenz. (vgl. http://www.mediamanual.at/mediamanual/themen/impuls05.php, 10.11.2008)

3 AUFWACHSEN IN DER MEDIENGESELLSCHAFT

In der Zeit vor den 50ern gab es die sogenannten neuen Medien wie das Internet und den Computer noch nicht. Das Aufwachsen und das Hineinwachsen der Kinder in die Gesellschaft verlief etwas anders als es das heute tut. Den Kindern stand eben einfach noch nicht so viel zur Verfügung, mit dem sie sich medialgesehen beschäftigen konnten und mussten. Bücher waren wohl die Hauptattraktion, ausgestattet mit vielen Bildern für die ganz Kleinen, bis hin zu dicken Romanen mit spannenden Geschichten, für die Phantasiewelt der Größeren. Nach den 50ern hat sich der Medienbegriff immer mehr ausgedehnt, und die Kinder bekamen immer mehr Möglichkeiten mit den sogenannten neuen Medien. Was bedeutet die historische Entwicklung der Medien hin zu den modernen technischen Medien gegenüber dem Gebrauch der ursprünglichen körpergebundenen, analogen Medien Gestik, Mimik und Körpersprache für die kindliche Entwicklung?

3.1 Multimedialität von Anfang an

„Zunächst festzuhalten: Aus ontogenetischer Perspektive entsteht dadurch eine völlig neuartige Lebenssituation für das Heranwachsen in der frühen Kindheit und damit ein pädagogisches Problem, für das bisher eine systematische Bearbeitung noch aussteht: Das Kind wird heute in eine Welt hineingeboren, in der es von Anfang an auf alle in der Menschheitsgeschichte entwickelten Medien trifft. Es fällt uns schon gar nicht mehr auf, daß das Kind von klein auf in seiner familiären Alltagswelt alle diese Medien uns ihre Nutzung durch die Erwachsenen oder ältere Geschwister zugleich nebeneinander erlebt. So wächst es mehr denn je in einer repräsentationalen, zeichenhaften, symbolischen Umwelt heran.“ (Gogolin & Lenzen 1999) Menschen können nur Differenzen in ihrer Umwelt wahrnehmen. Dafür bieten heute die Fernsehbilder schon für das Kleinkind ein unerschöpfliches Anregungspotential, das durch die wechselnden Eindrücke beim Autofahren und später durch die rasanten Bildfolgen bei Computerspielen und Videoclips erweitert wird. Das Ergebnis ist eine unglaubliche Beschleunigung und Differenzierung der Wahrnehmungstätigkeit bei Kindern.

3.2 Entwicklungsphasen des Kleinkindes in der neuen Mediengesellschaft

Allgemein akzeptierte Erkenntnisse der Entwicklungsbiologie zeigen, dass der Säugling bereits im Mutterleib beginnt, Erfahrungen zu machen und diese im Gehirn zu repräsentieren. In den ersten Lebensmonaten und -jahren lernt er, seine Umwelt zu sehen, zu tasten, zu riechen und zu schmecken und wächst durch die aktive Wechselwirkung mit der Welt in diese hinein. Daher ist es alles andere als egal, welche Erfahrungen wir Säuglingen und Kleinkindern zumuten. Ein sich entwickelndes Gehirn braucht für seine intellektuelle Entwicklung Erfahrungen an und mit Objekten, die man anfassen, riechen, schmecken usw. kann, damit sich im Gehirn Repräsentationen der Welt aufbauen können. Bildschirme liefern eine „Bild- und Klangsoße“, aus denen das kleine Gehirn nur wenig Struktur extrahieren kann. Die Erfahrung des Kleinkindes verarmt. Computer und Fernseher vermitteln eine flache Realität, was vor allem dann fatal ist, wenn der Benutzer die „wirkliche“ Realität noch nicht kennt, wie dies bei Säuglingen und Kleinkindern der Fall ist.

  • „Während der sensomotorischen Phase in den ersten Lebensmonaten haben die Medieninhalte noch keine oder kaum eine Bedeutung für das Kleinkind. Medien sind für den Säugling, wie andere Dinge in seiner Reichweite auch, zunächst reine Wahrnehmungs- und Handlungsobjekte ohne Zeichencharakter.

Menschen können nur Differenzen in ihrer Umwelt wahrnehmen. Dafür bieten heute die Fernsehbilder schon für das Kleinkind ein unerschöpfliches Anregungspotential, das durch die wechselnden Eindrücke beim Autofahren und später durch die rasanten Bildfolgen bei Computerspielen und Videoclips erweitert wird. Das Ergebnis ist eine unglaubliche Beschleunigung und Differenzierung der Wahrnehmungstätigkeit bei Kindern. Medien als Handlungsobjekte sind in den ersten Wochen und Monaten nur insoweit interessant, wie sie an verfügbare sensomotorische Schemata assimiliert werden können.“(Gogolin & Lenzen 1999, S. 231)

  • „In der präoperationale Phase nach Piaget (2. Lebensjahr- 7. Lebensjahr), reagiert das Kind nicht länger nur auf Reize, sonder kann jetzt nach eigenen Vorstellungen von sich aus reagieren. Das Kind entwickelt die Fähigkeit ein Objekt oder Phänomen durch ein anderes zu ersetzen. Es lernt, mit Vorstellungen umzugehen. In diesem Stadium läuft der Denkprozeß schneller und flexibler als zuvor. Ob die Symbole mit unserem vorhandenen Sprachcode übereinstimmen, ist nicht gewährleistet. Im Mittelpunkt des vorbegrifflich symbolischen Denkens steht somit die egozentrische Assimilation an die eigenen Tätigkeit. Das Anschauliche Denken (4-7 Jährige) zeichnet sich durch allmähliche Koordination der vorstellungsmäßigen Beziehungen. Das gilt im physikalischen Sinne, als auch im sozialen Verhalten. (Phenomenismus)Die kognitiven, sozial moralischen und fernsehbezogenen Fähigkeiten entwickeln sich dann im Alter von 3-6 Jahren.“

( vgl. http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/101005.html) Im darauffolgenden Schulalter sind die Sinne des Kindes bereits geschult und es ist wichtig das Kind mit sämtlichen Medien vertraut zu machen.

QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

Monografien, Herausgeberbände, Zeitschriften

Feierabend, S./Rathgeb, T. (2006): KIM-Studie (Kinder, Medien und Internet) 2006. Basisstudie zum Medienumgang 6-13-Jähriger in Deutschland. Herausgegeben vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest, Baden-Württemberg (http://www.mpfs.de/fileadmin/KIM-pdf06/KIM2006.pdf)

Paus-Haase, I./Schorb, B. (2000) Qualitative Kinder- und Jugend-Medienforschung Theorie und Methoden: ein Arbeitsbuch. KoPäd Verlag, München.

Winter, Rainer [Hrsgb.] (2007) Mediennutzung, Identität und Identifikation Die Sozialisationsrelevanz der Medien im Selbstfindungsprozess von Jugendlichen. Juventa Verlag, Weinheim und München

Gogolin Ingrid & Lenzen Dieter (Hrsg) (1999): Medien- Generation. Beiträge zum 16. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Opladen: Leske + Budrich

Internet-Verzeichnis

Eirich, Hans. Kinder und Medien: Aufgaben für eine zeitgemäße Erziehung, http://www.familienhandbuch.de/cms/Kindheitsforschung-Medien.pdf, 10.11.2008, 17:02 Uhr

Theunert, Helga. Konvergente Medienangebote ab frühester Kindheit präsent. Wie sich Kinder und Jugendliche Medien aneignen (Heft Nr. 60, Juni 2007), http://www.mediamanual.at/mediamanual/themen/impuls05.php, 10.11.2008, 17:28 Uhr

KIM-Studie 2006, http://www.mpfs.de/fileadmin/KIM-pdf06/KIM2006.pdf

Petzold, Matthias (2000): Verändern die neuen Medien unsere Kinder und Jugendlichen?, http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Jugendforschung/s_1115.html, 13.02.2009, 11.43 Uhr

Lauf, Bärbel (2000): Kinderfernsehen, http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/101005.html