Konzept der Lesekompetenz von Bettina Hurrelmann und Norbert Groeben

Das Lesen wird als eine Schlüsselkompetenz, die für das klassische Print-Medium aber auch in der heutigen Mediengesellschaft für die Medien generell, vor allem auch für die sogenannten neuen Medien als notwendig zu betrachten ist. Die Germanisten Bettina Hurrelmann und Norbert Groeben sehen das Lesen „als ganzheitlichen transaktionalen Prozess, in dem Literarität und Literalität aufeinander bezogen sind“. (Groeben und Hurrelmann 2006, S.127) Das heißt, dass die Literarität (Wissen um literarische Formen, Motive, Stoffe etc.) und die Literalität (im weitesten Sinne der Umgang mit der Schriftsprache) eng zusammenhängen und je nach Phase (frühe Kindheit, mittlere Kindheit und Jugendalter) des Rezipienten in der Entwicklung andere Schwerpunkte setzt. Kinder zwischen 0 und 6/7 Jahre entwickeln also eine Form von emergierender Literalität und eine interpersonale Literalität, durch die Interaktion mit Bezugspersonen. Mit Schreiben und Lesen lernen kommt es bei den 6/7 – 12/13- jährigen zur heuristischen Literalität und autonomen Literarität, es werden meistens eigene Erfahrungen gesammelt. Im Jugendalter entwickelt sich die funktionale Literalität und diskursive Literarität, die die Kompetenz beschreibt, eigene Erfahrungen (egal ob durch bekannte Personen oder Fremde, Medien etc. ausgelöst) durch das Reflektieren von anderen zu erlangen.

„Zum prototypischen Kern von „Lesekompetenz“ gehören (…) vor allem die kognitiven Fähigkeiten der Bildung kohärenter mentaler Textrepräsentationen unter Einschluss von (Vor-) Wissen, die motivationalen und emotionalen Fähigkeiten zur Stützung dieses Prozesses, die Fähigkeit zu seiner Reflexion und die Fähigkeit zur Anschlusskommunikation.“ (Groeben und Hurrelmann 2002, S.286)

Bettina Hurrelmann und Norbert Groeben fassen Lesekompetenz also im Wesentlichen in drei Dimensionen zusammen.

  1. Die kognitive Dimension, die das flüssige Lesen und Rezitieren von Texten, die Fähigkeit zur globalen Kohärenzherstellung (auch bei längeren Texten), das Leseverstehen von einerseits narrativen Texten (zum Beispiel: Motive, Absichten der handelnden Personen erkennen) als auch andererseits von expositorischen Texten (zum Beispiel: Tatsache und Meinung zu unterscheiden), das literale Sprachbewusstsein (Unterscheiden von Textgattungen, Unterscheidung von fiktionale von nicht fiktionalen Texten etc.) und die Metakognition (Problemlöseverhalten etc.) umfasst.
  2. Die emotionale- motivale Dimension, die die Fähigkeit des Lesers bzw. der Leserin sich selbstständig den geeigneten Lesestoff verfügbar zu machen, die Bereitschaft zur Identifikation, das heißt sich emotional in Geschichten zu involvieren und für einen gewissen Zeitraum in der Phantasie zu leben und die Erwartung oder Vorfreude vom Lesekonsumenten selbst, dass das Lesen von Lesebeginn bis Leseende Genuss und Befriedigung ist beschreibt.
  3. Und die dritte Dimension, die der Reflexion und der Anschlusskommunikation. Norbert Groeben und Bettina Hurrelmann sehen darin die Kenntnis und Bereitschaft über das Gelesene mit anderen Personen zu reden, sich auszutauschen und zu diskutieren oder aber auch die Entscheidung das Lesen als Rückzugsmöglichkeit zu sehen, die Fähigkeit zur Entwicklung von Lesegeschmack (Genre, Gattung etc.), Texte wiedergeben zu können und das literale Übersetzten von Texten in eine andere Modalität (szenisches Bearbeiten von Texten etc.) mit begründeten Rückbezug. Gerade das Angebot der Anschlusskommunikation ist eine wichtige Komponente für die Herausbildung und Entwicklung der Lesemotivation der Kinder.

Lesekompetenz bezieht sich also nicht nur auf den Gegenstandsbereich des Lesens, dem aufgabenorientiertes Fertigkeitsniveau, sonder auch auf „das übersituative, generelle Fähigkeitsniveau im Sinne einer (relativ) zeitüberdauernden Handlungsposition“. (Groeben und Hurrelmann 2002, S. 13)

Bettina Hurrelmann und Norbert Groeben betonen, dass auch andere Einflussfaktoren in das Konzept der Lesekompetenz mit eingeschlossen werden müssen, wie das Vorwissen, das Arbeitsgedächtnis und die allgemeine Denkfähigkeit, die sozialen und personellen Rahmenbedingungen (Sozialisationsinstanzen), das Entwicklungsniveau (Leseinteresse etc.), das Geschlecht (Unterschiede in der Vorbereitung auf den Leseprozess etc.) die individuelle Erfahrung und Ausprägung in Sachen Lesekompetenz (Lesehäufigkeit, Intensität etc.) der Person bzw. des Lesenden, da die Wahl der Textgattung, des Textgenres und des Inhalts aber auch der Rezeptionskontext und die soziale Dimension der Lesekompetenz, die Anschlusskommunikation, also die individuelle Weiterverarbeitung des Gelesenen davon abhängt. Lesekompetenz umfasst also nicht nur das Lesen an sich sondern auch motivationale, emotionale, soziokommunikative Felder und die individuellen Einflussfaktoren.

verwendete Literatur

  • Groeben, Norbert & Hurrelmann, Bettina (2002):Lesekompetenz: Bedingungen, Dimensionen, Funktionen. Weinheim, Juventa Verlag.
  • Groeben, Norbert & Hurrelmann, Bettina (2002):Medienkompetenz: Voraussetzungen, Dimensionen, Funktionen. Weinheim, Juventa Verlag.
  • Groeben, Norbert & Hurrelmann, Bettina (Hrsg.) (2004):Lesesozialisation in der Mediengesellschaft: Ein Forschungsüberblick. Weinheim, Juventa Verlag.
  • Groeben, Norbert & Hurrelmann, Bettina (2006):Empirische Unterrichtsforschung in der Literatur- und Lesedidaktik: Ein Weiterbildungsprogramm. Weinheim, Juventa Verlag.

weiterführende Literatur

  • Falk, Verena (2007):Leseförderung durch Märchen. München. Ravensburg, GRIN Verlag.
  • Stechmann, Ingo (2007):Gebrauchstexte und ihre Funktion beim Erwerb von Lesekompetenz. München. Ravensburg, GRIN Verlag.
  • Wertenbruch, Britta(2007):Lesekompetenz: Mit einem Unterrichtsbeispiel zur Förderung der Lesekompetenz in der Grundschule. München. Ravensburg, GRIN Verlag.