Bildung in der Demokratie
Der Eintrag zum 'Kongressthema' übernommen von der Kongresshomepage [Stand 11-01-2010]
Die Bedeutung von Bildung für eine demokratische Gesellschaft und die damit zusammenhängenden Gestaltungsfragen stehen im Zentrum des Mainzer Kongresses. Es sind verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen, die die Thematisierung von Bildung in der Demokratie zum gegenwärtigen Zeitpunkt erneut dringlich werden lassen, unter anderem
1. die Herausbildung neuer und die Zementierung alter Ungleichheitsstrukturen,
2. die Anforderungen, die sich aus ökonomischen und politischen Verunsicherungen sowie aus dem Verlust alter und dem Entstehen neuer sozialer Netzwerke und Strukturen ergeben,
3. die kulturelle Heterogenität und die damit verbundenen Potenziale und Irritationen sowie
4. die Gefährdungen sozialer, kultureller und politischer Partizipation, aber auch die Eroberung neuer Partizipationsfelder und -formen.
Die mit diesen Themen zusammenhängenden Fragen formulieren auch Herausforderungen an die Bildungspolitik, an das Bildungssystem und nicht zuletzt an die Erziehungswissenschaft und den hier verorteten Reflexionen zu Fragen der Bildung in der Demokratie, auch weil seit Jahrzehnten das deutsche Bildungssystem durch seine besonders scharfen Selektionsformen im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Gleichzeitig werden pädagogische Institutionen für ein vermeintliches oder tatsächliches Nachlassen im Engagement für die Demokratie verantwortlich gemacht.
Solchen kritischen Anfragen an das Bildungssystem stehen andererseits Entwicklungen gegenüber, die als anhaltendes Streben nach Demokratisierung und als wachsende Sensibilität gegenüber freiheitseinschränkenden und gleichheitsverletzenden Maßnahmen anzusehen sind. Auch diese Entwicklungen sind in Bildung und Erziehung eingebunden, zumal wenn sie sich auf Menschen- und insbesondere Kinderrechte, auf partizipative Erziehungsstrukturen und auf Demokratie als Lebensform beziehen. Dabei sind es nicht zuletzt pädagogische Argumente, die darauf hinweisen, dass Erziehung zur Demokratie nicht in Unfreiheit geschehen kann. Das in Bildungsinstitutionen kommunizierte demokratische Gleichheitsversprechen kann jedoch nicht glaubwürdig werden, solange die pädagogischen Institutionen Ungleichheit strukturell nicht zu minimieren vermögen, sondern sogar stabilisieren.
Mit dem Thema Bildung in der Demokratie sind somit auch die Praxen und die Praktiken in den pädagogischen Einrichtungen – vom Kindergarten über die Schule, die außerschulische Jugendbildung, die berufliche Bildung, bis hin zur Erwachsenenbildung – kritisch in den Blick zu nehmen. Zu fragen ist, welche Formen der Entschärfung sozialer Ungleichheit hier Wirklichkeit werden können; ferner, welche sozialen, kulturellen und politischen Formen der Partizipation und des demokratischen Miteinanders realisiert werden und welche verfehlt.
Indem die Formen der politischen Herrschaft, in welche Bildung und Erziehung, Hilfe und Beratung eingebettet sind, untersucht werden, bezieht sich die Erziehungswissenschaft auch auf ihre eigene Geschichte. Denn als Disziplin ist sie im Spannungsfeld von Feudalismus und Aufklärung entstanden und verfügt über eine entsprechend lange Tradition der Auseinandersetzungen mit verschiedensten pädagogischen Praktiken, die von der Untertanenerziehung bis zur antiautoritären Pädagogik reichen. In Gegenwartsdiagnosen und systematischen Untersuchungen, in historischen Studien und pädagogischen Programmatiken sind diese Auseinandersetzungen in vielfältiger Weise aufzugreifen.
Bildung in der Demokratie wirft zudem die Frage auf, welche Möglichkeiten zur Stärkung der Demokratie in Bildungsprozessen liegen, ebenso jedoch, wo hier die Grenzen von Erziehung und Bildung gesehen werden müssen. Die Felder und Strukturen pädagogischen Handelns zu beschreiben und zu analysieren, bedeutet insofern auch, daran zu erinnern, dass der pädagogische Anspruch auf Realisierung von Demokratie nicht die einzige Bestimmungsgröße von Erziehung und Bildung ist. Das Kongressthema lädt somit zu einem Diskurs über die Möglichkeiten demokratischer Partizipation ein, welcher die Grenzen pädagogischer Szenarien im engeren Sinne überschreitet.