Der Begriff Viabilität.
Da bereits die Vorsokratiker den Begriff Wirklichkeit (Wahrheit) als subjektiven Begriff aufgezeigt haben, kann nicht von einer objektiven für alle gleichen Wirklichkeit- bzw. Wahrheitsbegriff ausgegangen werden. Die Folge war, dass der radikale Konstruktivismus den Begriff Viabilität (Gangbarkeit) anstelle des Begriffes Wahrheit gesetzt hat. Wobei der Begriff Wahrheit als wahre Abbildung einer objektiven Realität angesehen wird. Glaserfeld hat auch das Beispiel vom Blinden gebracht, der auf einem Weg durch den Wald geht. Am Ende des Waldes weiß er noch nichts von der Schönheit der Bäume, des Himmels, dass es Blumen gibt, die Blätter da sind, sondern er ist auf Hindernisse gestoßen, dies ist seine Wahrnehmung vom Wald.
Wenn wir nun die Ebene der Wahrnehmung verlassen und auf die der Aufnahme von Wissen gehen so beeinflussen uns auch dort unsere gemachten Vorerfahrungen. Man könnte also sagen:
- Dass, uns vieles von der Welt wie sie wirklich ist verschlossen bleibt, da jeder von uns seine kognitiven Strukturen hat, aber was jenseits dieser Strukturen liegt, das entzieht sich der eigenen Kenntnisse. Diese kognitiven Strukturen können sich im besten Falle im Laufe der Zeit auch ändern, z.B. bei Kindern, können jedoch bei bestimmten Menschen auch einigermaßen konstant bleiben.
- Wissen nicht übertragen werden kann, sondern von jedem individuell erarbeitet, umstrukturiert und erweitert (vielleicht sogar revidiert) werden muss. Dies geschieht durch eine aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt.
- Dass, es in unserer Konstruktion von Wirklichkeit einschränkende Bedingungen gibt. Unsere Sinnesorgane haben eingeschränkte Wahrnehmungen (Tiere hören, sehen, riechen usw. besser als wir). Menschen erkennen also nicht die Realität, wie sie wirklich ist, sondern nur einen Bruchteil dieser.
- Dass, die eigenen Erfahrungen, der soziale Kontext in dem gelebt wird usw. ungeheuer wichtig sind, für das Verständnis von Wirklichkeit. Es kommt darauf an, mit wem ich über etwas spreche, dies beeinflusst den Aufbau unserer Vorstellung von Wirklichkeit. Wenn z.B. jemand viele seiner sozialen Kontakte mit Menschen eines Sportvereines hat, dann entstehen Denkwelten, welche als Maßstab genommen werden.
- Dass, sich Wirklichkeit bei jedem Menschen unterschiedlich ausbildet, da im Leben jedes Menschen unterschiedlich Perturbationen stattfinden und erst diese zu neuen Konstrukten anregen. Denn erst wo etwas nicht mehr geht, wo wir Hindernisse wahrnehmen, halten wir inne und wenn wir uns dann mit diesem Hindernis auseinandersetzen, konstruieren wir etwas, was das Vorstellungsbild unserer Welt verändern kann. Und weil nicht alle zum selben Thema innehalten, und nicht allen das Selbe gleich wichtig ist, haben wir andere Weltbilder. (Vgl. Mitschrift von Prof. Singer P.)
Viabilität Es gibt laut Glasersfeld drei Ebenen von Viabilität, zurückzuführen auf zwei unterschiedliche Störungen der kognitiven Strukturen. Diese Störungen können erfolgen, indem sie „von Tatsachen widerlegt werden oder mit einander in Konflikt geraten.“ (Glasersfeld 1998, S. 506)
Die 3 Ebenen von Viabilität (Zustand der Anpassung an Grenzen aber keine Angleichung)
„Auf der ersten Ebene ist das viabel, was in der jeweiligen Problemsituation zu einer Lösung führt (Machs 'Anpassung an die Tatsachen').“ (Glasersfeld 1998, S. 506) Jedes Mal, wenn ein Hindernis da ist wird nach einer Lösungsstrategie für dieses Hindernis gesucht und wenn eine x-beliebige gefunden ist(muss nicht die effizienteste sein), ist dieser Weg viabel – gangbar. „Auf der zweiten Ebene ist die Viabilität eine Frage der begrifflichen Vereinbarkeit, das heißt Abwesenheit von Widersprüchen im Bezug auf die anderen Denk- und Handlungsweisen, die das denkende Subjekt in seiner bisherigen Erfahrung als viabel angenommen hat ('Machs Anpassung an einander').“ (Glasersfeld 1998, S. 506) Bei der zweiten Ebene kann nicht ein x-beliebiger Weg gewählt werden, sondern er muss mit allen vorherigen Konstrukten in Einklang zu bringen sein. „Auf der dritten und höchsten Ebene beruht Viabilität auf dem Einklang der eigenen begrifflichen Strukturen mit jenen, von denen man vermutet, dass andere sie als viabel betrachten.“ (Glasersfeld 1998, S. 506) Es findet ein in Einklang bringen der eigenen inneren Strukturen mit denen der Umwelt statt, jedoch so wie man der Meinung ist, dass die Umwelt ihre inneren Strukturen hat. „Auf allen drei Ebenen ist das, was ich `Viabilität` nenne, der Zustand der Anpassung an Schranken oder Grenzen der Bewegungsfreiheit und bedeutet in keiner Weise eine Angleichung“ (Glasersfeld 1998, S. 506)
Von Glasersfeld, Ernst (1998): Die Radikal-Konstruktivistische Wissenstheorie. In: Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für Erwägungskultur, 4, S. 503 – 511.
Mitschrift eines Vortrages von Prof. P. Singer aus der Schweiz