Virginia Satir-Familie als System
Allgemeines
Einen wichtigen Beitrag zur Einordnung und Beschreibung von Familie leistete Virginia Satir (1916-1988). Sie interpretiert eine Familie als System. Besser gesagt die Kommunikation innerhalb der Familie, die sich klar von anderen Systemen abgrenzt. Die Menge der Elemente in diesem System sind die einzelnen Familienmitglieder. Zwischen diesen Elementen herrschen ganz spezifische Umgangsmuster beziehungsweise Kommunikationsformen. So treten gewisse systembezogene Kommunikationsformen manchmal auch in einem anderen Konsens und unterschiedlichen Systemen auf. Beispiel: Kind das bei Absage Ablehnung erfahren hat wir auch in anderem System/ Beispiel Freundschaft eine Absage als Zurückweisung verstehen.
Beim Familiensystem handelt es sich um das dynamische Gebilde der Familie, dessen vernetzte, rückgekoppelte Komponenten (Mikro-Ebene) bestimmte Strukturen (Makro-Ebene) entfalten. So lassen sich die Kommunikationen (Mikro) der Familienmitglieder zu von außen beschreibbaren „Interaktions-Regeln“ (Makro) ordnen (Systemische Therapie). Aus psychologischer Sicht lassen sich Familien als Personensysteme besonderer Art begreifen, deren Mitglieder im Spannungsfeld von Autonomie und Verbundenheit zur Entstehung enger persönlicher Beziehungen beitragen und sich in diesem Beziehungskontext entwickeln. Wichtige Kennzeichen von Familiensystemen sind u.a. ein mehr oder minder großes Ausmaß an Abgrenzung, Privatheit, Dauerhaftigkeit und Nähe.
Systemarten
Satir unterscheidet zwei Arten des Familiensystems.
- Ins geschlossenen System dringen die Informationen über und aus der Umwelt sehr begrenzt durch. Es handelt sich also um ein autoritär geführtes System in dem offene und selbstwertfördernde Kommunikation nicht möglich ist. Übertragen auf die Familie bedeutet dies, das ein geschlossenes Familiensystem nach rigiden, unverrückbaren Regeln funktioniert und auf einen bestimmten Kontext angewandt werden, unabhängig davon, ob die äußeren Reize (etwa durch die anderen Systembeteiligten) die als passend erscheinen lassen – ein System also, das durch Macht, neurotische Abhängigkeit, Gehorsam, Deprivation, Konformität und Schuld charakterisiert ist. Bei Mitgliedern dieses Systems ist der Selbstwert zunehmend in Frage gestellt und immer mehr auf Verstärkung von außen angewiesen.
Dem gegenüber steht das:
- Offene System. Jedes (Familien-)Mitglied hat gelernt kongruent zu kommunizieren. Gefühle werden richtig wahrgenommen und können frei artikuliert werden. Bei diesem Typ des Familiensystems ist der Selbstwert der Mitglieder eine entscheidende Größe, da hier jeder ein Gefühl von Macht und Kontrolle über sein eigenes Schicksal erhält. Das wesentliche dieses Familientyps ist die Fähigkeit, positiv und flexibel auf Veränderungen zu reagieren.
Systemregeln
In diesem System bilden sich Regel (Verhaltens, und Kommunikationsregeln) aus, die explizit oder implizit sein können. Explizite Regeln sind im System, der Familie bekannt und können daher ausgesprochen und auch diskutiert werden. Implizite Regeln dagegen wirken, ohne den Mitgliedern bewusst zu sein, sie geben sich oft erst durch ihre Überschreitung zu erkennen. Diese haben eine sehr starke Wirkung auf alle Beteiligten. Dabei handelt es sich um Grundannahmen, die mit der individuellen Wirklichkeit jeder Person zu tun haben, von denen eine Person fest überzeugt ist(Schemata) und die davon ausgeht, dass die Interaktionspartner die selben Annahmen vertreten. Satir geht es in ihrer Therapie darum, diese Regeln auszusprechen um sie für alle Beteiligten offenzulegen und besseres Verständnis zu fördern.
Systeme sind selbsterklärend, deren Bedeutung ergibt sich also aus sich selbst heraus. Die wechselseitige Beeinflussung von Elementen eines Systems kennt keinen Ausgangspunkt. Es kann dadurch niemand sagen wer verantwortlich für eine Problematik ist.
Kommunikation
Kommunikation innerhalb des Systems Familie kann zum Problem zum „krankmachenden“ Faktor werden wenn inkongruente Botschaften übermittelt werden. Das heißt, dass das verbal geäußerte nicht mit dem nonverbal Kommunizierten übereinstimmt. Ein Beispiel dafür wäre eine Mutter die mit hängendem Kopf und tief betrübt auf die Frage des Kindes nach ihrem Befinden mit gespielt heiterer Stimme sagt. „Mir geht’s sehr gut.“
Der Begriff Kongruenz ist einer der zentralsten Bestandteile der Arbeit von Virginia Satir. Sie beschreibt in ihrem Modell 4 Überlebenshaltungen mit denen der Mensch versucht mit geringer Selbstachtung fertig zu werden und das Selbstwertgefühl, soweit vorhanden vor verbalen, nonverbalen, wahrgenommenen und vermuteten Bedrohungen zu schützen. Das fünfte Element des Modells wäre die Kongruenz. Kongruenz ist die Möglichkeit in einem umfassenden Sinn Mensch zu werden. Ganzheit beschreibt diesen Seinszustand. Charakteristische Merkmale für Kongruenz wären: -Würdigung der Einzigartigkeit des Selbst, -Inanspruchnahme des Personseins, -Bereitschaft sich selbst und anderen zu vertrauen, - Bereitschaft Risiken einzugehen, -sich selbst zu lieben, -nutzen der eigenen und inneren Ressourcen, -Flexibilität und Offenheit gegenüber Veränderungen, -Offenheit gegenüber Intimität.
Kongruenz ist auch eine Art Informationen zu übermitteln. Inkongruente Informationen erhalten wir wenn sprachliche und affektive Äußerungen nicht in die selbe Richtung weisen.
Familientherapie
Die Familienskulptur ist eine von Virginia Satir entwickelten Technik in der Familientherapie. Klienten entwickeln dabei ein systemisches Verständnis über sich selbst, die Beziehungen zu anderen Menschen und über ihre Familienkonstellation. Beziehungen und Verhalten von Familienmitgliedern zueinander werden symbolisch dargestellt. In der Familientherapie versuchte Satir diese in inkongruenten Botschaften aufzudecken. Die Familienmitglieder sollten die Gefühle die sie beim Erhalt einer „unstimmigen“ Botschaft fühlen offenlegen. Die Bewusstwerdung der eigenen Gefühle ist ein wichtiger Schritt hin zur Kongruenz. Werden die Gefühle die eine Mensch empfindet von seinem Umfeld akzeptiert und ernst genommen kann das helfen diese Person auf dem Weg zur Kongruenz zu unterstützen und genau das war es was Satir versuchte in ihren Therapien den Klienten zu übermitteln. Sie gab ihnen das Gefühl wertvoll und liebenswert zu sein. Reagiert ein Mensch kongruent, dann Akzeptiert er seine und die jeweils andere Position.
Literatur
Satir V.; Banmen J.; Gerber J.; Gomori M.(2000), „Das Satir Modell“. „Familientherapie und ihre Erweiterung“, Paderborn: Junferman
Friele B.(2008), „Psychotherapie, Emanzipation und Radikaler Konstruktivismus“. „Eine kritische Analyse des systemischen Denkens in der klinischen Psychologie und sozialen Arbeit“, Gießen: Psychosozialer Verlag
Satir V.; Baldwin M.(1993), „Familientherapie in Aktion“, „Die Konzepte von Virginia Satir in Theorie und Praxis“, Paderborn: Junferman
Kongruenz; In, www.nlp.at/lexikon/k2.htm