Bettina Ahsheuer Matr. Nr. 0417483 Katja Gastl Matr. Nr. 9116556 Studium der Pädagogik - C 297
Univ.-Prof. Dr. Hug Theo Konstruktivistische Diskurse zur Einführung LV-Nr. 603076
Die andere Seite der Gesundheit Ansätze einer systemischen Krankheits- und Therapietheorie
Fritz B. Simon
Inhaltsangabe:
1. Was ist ein Symptom
Traditionelle Beobachtungsmuster Symptome als Zeichen Konflikte Wirklichkeitskonstruktion
2. Krankheit und Dysfunktion
Soziale Funktion von Krankheit Generierende Mechanismen von Krankheit
3. Was ist ein System
4. Therapeutische Prinzipien
Allgemein Paradoxe Interventionen Interventionen in operationell geschlossenen Systemen
5. Soziale Funktion von Therapie
Systeme als Problem
6. Systemische Therapie
Vorannahmen und Prinzipien Interventionsmöglichkeiten Sprache als Medium in der Therapie Kontexte Wirklichkeitskonstruktionen Der Therapeut
1. Was ist ein Symptom
Traditionelle Beobachtungsmuster
Die Unterscheidung zwischen krank und gesund gehört zu den ältesten Differenzschemata. Es ist eine Interaktionsform, bei welcher einer der Beteiligten den anderen einer Prozedur unterzieht – vom Heilungsritual bis zur Verabreichung von Hustensaft. Es soll der Übergang von einem als krank bezeichneten zu einem als gesund bezeichneten Zustand herbeigeführt werden. Der eine der Beteiligten begibt sich in die Objektrolle, der andere in die des handelnden Subjekts. Eine solche Subjekt-Objekt-Spaltung charakterisiert ganz allgemein die Komplementarität der Beziehung zwischen dem Heiler und dem Leidenden, die Folgen für die Aufteilung und Zuschreibung von Verantwortung, Schuld und Macht. Die grundlegenden Spielregeln könnten lauten: „Ich tu etwas, was du nicht kannst!“ und (!) „Ich seh etwas, was du nicht siehst!“ Was sieht nun der Therapeut?
Symptome als Zeichen
Aus dem griechischen „sympiptein“: zusammentreffen, -fallen, sich gleichzeitig ereignen
Um ein Patient zu sein, bedarf es der Symptome. Wer Symptome zeigt, darf sich das Etikett „krank“ zuschreiben lassen, oder es sich selbst zuschreiben. Symptome bilden das definierende Merkmal, nach dem Beobachter „krank“ von „gesund“ unterscheiden.
Ganz allgemein lassen sich Symptome als beobachtbare Ereignisse (im Vergleich zu nicht-beobachtbaren Ereignissen, Prozessen, Zuständen in einem anderen, nicht transparenten Phänomenbereich, einer tatsächlichen oder vermuteten „Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit“), Prozesse oder Zustände definieren. Wenn bei der Beobachtung eines Menschen Phänomene (rote Flecken im Gesicht, ein humpelnder Gang, verwaschene Sprache) wahrgenommen werden, die als abweichend vom selbstverständlich erwarteten Zustand eines menschlichen Körpers oder seines Verhaltens unterschieden werden, so können solche Phänomene als Symptome bewertet werden. „Selbstverständlich“ heißt in diesem Zusammenhang, dass es Ereignisse oder Zustände gibt, die als gegeben wahr- und hingenommen werden, ohne dass der Beobachter nach ihren Erklärungen sucht.
Nun werden nicht alle von den Erwartungen abweichenden menschlichen Verhaltensweisen oder Zustände als Symptome interpretiert, es hängt davon ab, wie derartige Abweichungen erklärt werden.
Als Symptom werden nur solche Phänomene bezeichnet, denen der Beobachter/die Beobachterin keine unmittelbaren, aus dem Kontext der Kommunikation ableitbaren Bedeutungen zuschreiben kann. Sie sind nicht unmittelbar verstehbar, sie fallen aus dem Spiel der Kommunikation, sie sind innerhalb der Kommunikationsregeln nicht deutbar und bedürfen daher einer nicht-sozialen Erklärung.
Es kann ihnen kein unmittelbarer Mitteilungscharakter innerhalb zwischenmenschlicher Kommunikation zugeschrieben werden. Sie werden als Zeichen gedeutet, die auf eine andere, „ursächliche“, Abweichung (Unterscheidung) außerhalb des Kontextes der direkten Interaktion und Kommunikation, also außerhalb der Grenzen des sozialen Systems, verweisen. Die Unterscheidung verstehbar/nicht-verstehbar ist konstituierend für die Kategorisierung eines Phänomens als Symptom. (Bsp. Bettelndes Kriegsopfer)
Dieser vom Selbstverständlichen unterschiedene Zustand oder Prozess, durch den die Entstehung des Symptoms erklärt wird, kann „Krankheit“ genannt werden (muss aber nicht). Es sollte aber deutlich sein, dass in dem Begriff „Krankheit“ die Beschreibung von Phänomenen (den Symptomen) und ihre Erklärung miteinander vermischt sind. Die auf diese Weise konstruierte Entität „Krankheit“ wird als strukturelle oder funktionelle Veränderung in einem Bereich, der außerhalb der verstehbaren Kommunikation, d. h. außerhalb des sozialen Systems, liegt, interpretiert.
Der Begriff Symptom ist ein Musterbeispiel für die Vermischung von Beschreibung, Erklärung und Bewertung. Wird ein Phänomen zum Symptom erklärt, so wird es nicht nur beschrieben, sondern es wird auch erklärt (durch eine im allgemeinen körperliche, manchmal auch seelische Störung – die „Krankheit“) und negativ bewertet (es sollte besser nicht da sein). Welche Phänomene als Symptome bzw. als durch Krankheit verursacht definiert werden, ist Resultat einer sozialen Übereinkunft.
Der Therapeut und der Symptomträger unterscheiden sich als Beobachter dadurch, dass nur der eine (vermeintlich oder tatsächlich) einen Zugang zu dem geheimnisvollen und undurchschaubaren Bereich hat, in welchem die Ursachen für die Symptombildung gesucht werden.
Dem „Heiler“ oder Therapeuten in seiner traditionellen Rolle wird eine Macht zugeschrieben, die darin besteht, dass er in diesem obskuren Phänomenbereich aufgrund seiner Beobachtungsmethoden und aufgrund seines Expertenwissens, eines Geheimwissens, Einfluss auf imaginäre Interaktionspartner – z.B. die Krankheit – ausüben kann. Der Patient kann das nicht.
Kein Phänomen an sich ist ein Symptom. Es wird erst durch Kommunikation dazu. Das Erleben von Schmerz, eine gestörte Befindlichkeit oder das Gefühl, krank zu sein, bedarf der kommunikativen Validierung, um als Symptom, als Merkmal der Unterscheidung für Krankheit, anerkannt zu werden. Ob einem Phänomen der Charakter eines Symptoms zugeschrieben wird, ist eine soziale Konvention. Körperliche, psychische oder soziale Ereignisse oder Zustände werden erst dadurch zu Symptomen, dass über sie kommunizierende Beobachter sie als „Symptome“ identifizieren und etikettieren. (Bsp. Stadtmensch – Dorf / Jodmangel)
Symptome aller Art sind nicht die einzigen möglichen Störungen, auf welche soziale Systeme reagieren. Sie sind Sonderfall einer Klasse von Phänomenen, die man unter dem Etikett „Problem“ zusammenfassen kann. Problem ist, was als „Problem“ benannt und bewertet wird. Phänomene, welche das reibungslose Funktionieren eines sozialen Systems beeinträchtigen, haben große Chancen, zum Problem ernannt zu werden.
Hier wird unterschieden zwischen:
1. Problemen, die dadurch entstehen, dass etwas getan wird, was besser unterlassen würde. 2. Probleme, die dadurch entstehen, dass etwas unterlassen wird, was besser getan würde.
Im ersten Fall wird das Problem aktiv durch die Verhaltensweisen von einer oder mehreren Personen produziert (Überfunktion). Im zweiten Fall entsteht es dadurch, dass zur Problemfreiheit nötige Verhaltensweisen nicht vollzogen werden, das heißt, es entsteht durch die Passivität der handelnden Personen (Unterfunktionen).
Konflikte
Symptome sind mit intrapsychischen und / oder interpersonellen Konflikten verbunden: Entweder lösen sie Konflikte auf, oder sie lösen sie aus.
Jeder Beobachter, der gezwungen ist zu handeln, muss Entscheidungen treffen. Er muss bewerten, ob es besser ist, etwas zu tun oder nicht zu tun, sich für die eine oder die andere Seite zu entscheiden. Der Maßstab für diese Bewertung sind erstrebte Ziele, Wünsche, Begehren, aber auch die Vermeidung oder Verhinderung von etwas Befürchtetem. Legt man diese Definition von Konflikt zugrunde, so sind nicht nur Symptome mit Konflikten verbunden, sondern das menschliche Leben ist eine Sequenz durchlebter Konflikte. Der Unterschied zwischen ihnen ist dann lediglich graduell (oben bezeichnet als „systemischen Antagonismus“).
Es wird zwischen „starken“ und „schwachen“ Konflikten unterschieden:
Konflikte, in denen die beiden Seiten der Unterscheidung sich gegenseitig aktiv negieren, werden hier „starke Konflikte“ genannt werden; Konflikte, in denen sich die beiden Seiten der Unterscheidung passiv negieren, werden „schwache Konflikte“ genannt.
Bsp: Wegkreuzung: „Rechts- oder Linksabbiegen“ wäre ein starker Konflikt, „Rechtsabbiegen oder Nicht-Rechtsabbiegen“ hingegen der schwache Konflikt.
Mit Hilfe dieser Typisierung lässt sich die Logik des individuellen Verhaltens der Interaktionsteilnehmer wie auch des Musters ihrer Interaktion im Konflikt- wie im Nichtkonfliktfall beschreiben.
Es erscheint generell als günstig, im Konfliktfall zwischen positiver und negativer Zielorientierung zu unterscheiden. Dies bezieht sich auch auf die Einbeziehung des Therapeuten in einen Konflikt. Im kann eine Rolle zugedacht sein, die darin besteht, Befürchtetes abzuwehren oder aber Erstrebtes herbeizuführen.
Wirklichkeitskonstruktionen
Zur Differenzierung von Beobachtung gibt es die Unterscheidung zwischen Beschreiben, Erklären und Bewerten. Dies kann auch als Leitlinie für therapeutische Interventionen dienen, wenn sie auf die Beeinflussung der Wirklichkeitskonstruktionen von Patienten zielen.
Für die Entstehung aller Phänomene gibt es mehr als nur eine Möglichkeit der Entstehung (und damit der Erklärung). Hier bieten sich dem Therapeuten Optionen der Umdeutung. Werden beispielsweise repetitive persönliche Erfahrungen im Rahmen einer neuen Erklärung (z.Bsp. durch frühkindliche Erlebnisse begründet) gesehen, so kann dies ihre Bewertung radikal verändern und damit das Erleben in der Zukunft. In der Therapie dürfte die Veränderung von Bewertungen von zentraler Bedeutung sein.
Beim Erwachsenen sind die Funktionen des Beschreibens, Erklärens und Bewertens so miteinander vernetzt, dass man sinnvollerweise von einer heterarchischen Beziehung zwischen ihnen ausgehen muss, in der jedes Element alle anderen zu beeinflussen vermag. Wenn Menschen ihre Wirklichkeitskonstruktionen in Form von Geschichten abfassen, dann geht es in der therapeutischen Konversation stets darum, die Logik der alten Geschichten in Frage zu stellen und die Konstruktion neuer Geschichten zu ermöglichen, in denen ein anderer Umgang mit den aktuellen Symptomen und Problemen logisch oder zumindest plausibel wird und schließlich Symptome keinen Platz mehr haben.
2. Krankheit und Dysfunktion
Soziale Definition von Krankheit
Krankheit ist ein Begriff, der in unserem alltäglichen Sprachgebrauch zunächst für ein körperliches Geschehen verwendet wird. Seine Übertragung auf psychische und / oder soziale Prozesse ist nicht ohne Logik, da alle drei Systeme als autopoietische Systeme betrachtet werden können.
Die Unterscheidung krank versus nicht-krank und symptomatisch versus frei von pathologischem Befund für bestimmte körperliche, psychische oder soziale Reaktionen sowie die Konstruktion von „Krankheitseinheiten“ ist nicht durch den Organismus festgelegt, sondern sozial definiert. Sie ist ein Merkmal der Beobachtung (der „Landkarte“), nicht aber der beobachteten Phänomene (der „Landschaft“). Die Zuweisung ihrer Kausalität zu einem System (dem Organismus, dem psychischen oder dem sozialen System) oder zu einer der jeweiligen Umwelten wird in der Kommunikation sozial festgelegt.
Durch diese Definition wird ein exterritorialer Raum geschaffen, in dem wir es mit Phänomenen zu tun haben, die als nicht innerhalb der Regeln der alltäglichen Kommunikation verstehbar kategorisiert sind. Ihre Verursachung wird dementsprechend nicht innerhalb der Kommunikation, sondern außerhalb des sozialen Systems – im Organismus oder Psyche – gesucht.
Kommunikationen als Zeichen verweisen meistens gerade nicht auf einen anderen Phänomenbereich, sondern auf andere Kommunikationen. Das heißt: Körperliche Phänomene sind primär durch körperliche Prozesse und deren Eigengesetzlichkeit zu erklären, nicht jedoch durch soziale oder psychische Gesetzmäßigkeiten. Kommunikative und psychische Phänomene lassen sich primär aus der Logik des Kommunikationssystems bzw. der Psychodynamik, nicht jedoch aus der Logik körperlicher Prozesse erklären. Symptome als Zeichen verweisen deshalb zunächst nicht auf einen anderen Phänomenbereich, sondern auf die Struktur und Organisation des Phänomenbereichs, in dem sie beobachtet werden.
Generierende Mechanismen von Krankheit
Zwei Möglichkeiten bieten sich an, die Entstehung von Dysfunktionen bzw. Krankheitsprozessen zu erklären:
1. Als Reaktionen auf Störungen der systeminternen Abläufen durch Ereignisse außerhalb der Grenzen der jeweiligen zusammengesetzten Einheit (d.h. Änderungen in einem anderen Phänomenbereich). Bezogen auf den menschlichen Körper könnten psychische Prozesse solch eine Wirkung haben (chronische Angstzustände), oder soziale Ereignisse (die Kommunikation mit einem ungerechten Vorgesetzten). 2. Als Reaktionen auf Störungen der systeminternen Abläufe durch Ereignisse innerhalb der Grenzen der als nicht-zusammengesetzt betrachteten Einheiten, d.h. innerhalb der Komponenten, deren Netzwerk von Interaktionen das System in seiner Struktur erschafft und erhält (intrazelluläre Veränderung bspw.). Systeme funktionieren so, wie sie funktionieren, und auf Störungen, Dysfunktionen und Gleichgewichtsverluste antworten sie mit Gegenregulationen. Sie sind innerhalb einer weiten Bandbreite in der Lage, sich selbst zu reparieren.
3. Was ist ein System?
Aus dem griechischen „sistima“: Das Gebilde, Zusammengestellte, Verbundene
Systeme sind zusammengesetzte Einheiten, deren Elemente andere zusammengesetzte oder nicht zusammengesetzte Einheiten sind. Solche Einheiten sind für den Beobachter analysierbar, theoretisch in ihre Bestandteile zerlegbar.
Was unterscheidet lebende von nicht lebenden Systemen?
Prozess des Lebens als eine spezifische Form der Selbstorganisation (Autopoiese), welche sich als eine Einheit von der Umwelt abgrenzt, und sich selbst hervorbringt und aufrechterhält.
Solche lebende Systeme sind
- autonom - strukturdeterminiert
d.h. ihr Verhalten wird durch ihre aktuelle interne Struktur determiniert und somit reagiert das System auf Einflüsse von außen immer entsprechend der eigenen, inneren Strukturen darauf.
Wie das System auf unspezifische Störungen (=Pertubationen) reagiert, sagt mehr über das System und seine Strukturen aus, als über die Natur der Störung!
Simon unterscheidet 3 Arten von Systemen
- organische Systeme - psychische Systeme - soziale Systeme
Alle können als selbst organisierte, autonome, operationell geschlossene und zusammengesetzte Einheiten betrachtet werden und lassen sich somit gegeneinander abgrenzen. Alle 3 Systeme können sich nicht gegenseitig beeinflussen – alle 3 Systeme sind füreinander Umwelten, in deren Interaktion es immer wieder zu wechselseitigen Störungen (Perturbationen) kommen kann.
Strukturelle Kopplung
Als organisches System ist der menschliche Körper zu verstehen, mit all seinen Komponenten, die in der Summe eben ein operational geschlossenes System bilden. Für das System Organismus ist der Bereich menschlicher Interaktion und Kommunikation Umwelt.
Als psychisches System gilt der Phänomenbereich „Psyche“ – mit den ausschließlich der Selbstbeobachtung zugänglichen Bereichen „Erleben“, „Fühlen“ und „Denken“. D.h. alle subjektiv beobachtbaren Ereignisse – vom Liebesgefühl bis zu Angstzuständen – lassen sich als Phänomenbereich „Psyche“ gegenüber dem Phänomenbereich „Körper“ abgrenzen. Psychische Phänomene sind also keiner direkten gemeinsamen Beobachtung durch mehrere Beobachter zugänglich und es handelt sich somit um subjektive Phänomene. Psychische Strukturen entstehen in einem selbstreferentiellen Prozess, bei dem das Individuum sich selbst Botschaften und Mitteilungen gibt – über sich selbst und die Welt.
Bei sozialen Systemen werden konkrete Menschen als Komponenten identifiziert, deren Netzwerk von Interaktionen eben diese sozialen Systeme konstituieren. D.h. zur Entstehung von sozialen Systemen bedarf es also einer Anzahl von Individuen, die miteinander in Interaktion und Kommunikation treten.
4. Therapeutische Prinzipien
Allgemein
Der Sinn der Therapie liegt in der Heilung – verlorene Gesundheit wiederherzustellen. Doch wann gilt ein System als gesund, wann als krank?
Arbeitet man in der Theorie mit operationell geschlossenen Systemen, so sind die System-Umwelt-Beziehungen von therapeutischer Relevanz. Symptome und Krankheitserschein- ungen werden als strukturdeterminierte Reaktion eines operationell geschlossenen Systems auf eine Störung, aus der Umwelt kommend, gesehen.
Krankheit ist also hier eine spezifische Form der Interaktion und der System-Umwelt-Beziehung und meint die Produktion von Phänomenen, welche gesellschaftlich als „krank“, „problematisch“ oder „dysfunktionell“ etikettiert werden.
Die Therapie soll also heilen, indem der Übergang von einer „kränkenden“ zu einer „nicht-kränkenden“ System-Umwelt-Beziehung vorbereitet, gewährleistet wird.
Autonome, operationell geschlossene Systeme sind üblicherweise in der Lage, auf Störungen aus der Umwelt selbstreparierend mit Gegenregulationen zu reagieren und so innengesteuert ihr Gleichgewicht wieder herstellen.
D.h. dass Symptombildungen immer als Versuch der Gegenregulation gesehen werden müssen, als Versuch, das Gleichgewicht aktiv wieder herzustellen.
Paradoxe Interventionen
Dies bedeutet für die Therapie, dass beim Versuch, in einer kontrollierenden oder kompensierenden Weise zu intervenieren, für das System eine Perturbation darstellt und somit eine neuerliche Störung des Gleichgewichts bedeutet und das System wieder mit dem Versuch der Gegenregulation reagiert.
Das Ergebnis kann ein paradoxer therapeutischer Effekt sein und dieser Effekt kann seitens des Therapeuten auch bewusst eingesetzt werden. Im konkreten bedeutet dies, dass der Therapeut eine positive Symptombewertung vornehmen kann, er „bremst“ die Geschwindigkeit der Veränderung und schafft dadurch einen Kontext, indem das System weniger „bremsen“ muss, etc.
Die Paradoxie des Therapeuten beschreibt Simon wie folgt: Durch sein zielgerichtetes Handeln wird das Erreichen seines Zieles unwahrscheinlicher.
Interventionen in operationell geschlossenen Systemen
Der Therapeut muss in operationell geschlossenen Systemen intervenieren – mit Augenmerk auf die Beeinflussung der System- oder der Umweltseite der Beziehung.
Dabei müssen Interventionen immer den systemimmanenten Sinnkriterien entsprechen, d.h. es muss sich dabei um für das System sinnvolle Veränderungen halten. Gibt es im System kein entsprechendes Schema, mit welchem auf die Intervention reagiert werden kann, dann bleibt das Ereignis sinnlos und das System reagiert nicht.
Dabei kann der Therapeut versuchen, Komponenten des Systems zu erregen, oder aber auch zu hemmen.
Ist die Beseitigung des Symptoms oberste Prämisse, müssen
- bisherige Prozesse, welche zur Symptombildung führen, gehemmt oder gestört werden - neuartige Prozesse, die zur Symptombeseitigung führen, erregt oder etabliert werden
Wichtig bei therapeutischen Interventionen ist das Wissen, dass nur solche Interventionen eine therapeutische Wirkung entfalten, die für das betreffende System sinnvoll oder sinnstiftend sind!
5. Soziale Funktion von Therapie
Gewisse basale Kommunikations- und Handlungskompetenzen des einzelnen werden vorausgesetzt, um am gesellschaftlichen Leben überhaupt teilzunehmen.
Symptome körperlicher Krankheiten können für soziale Systeme Störungen darstellen und fehlen gewisse Umweltvoraussetzungen kann dies das Fortbestehen des betreffenden Systems gefährden.
Diese „Abweichungen“ stellen also für den Beobachter einen Unterschied zum selbstverständlich Erwarteten dar und können irritieren.
Wie aber in einem sozialen System mit solchen Abweichungen umgegangen wird, hängt davon ab, wie diese Phänomene beschrieben, erklärt und vor allem bewertet werden.
Abweichende Phänomen können als
- nicht störend oder - störend
bewertet werden mit entsprechenden Folgen.
Symptome als Probleme
Was also eine Störung oder Abweichung ist, wird sozial definiert. Der beschrieben Unterschied zwischen Organismus und dem sozialen System ist allerdings bereits Element des sozialen Systems – als ein Aspekt der Selbstbeschreibung des Systems.
Die kommunikativ validierte Bewertung eines Phänomens als störend ist schon eine Reaktion auf das Phänomen selbst.
Problem ist, was als Problem benannt und bewertet wird und können entstehen
- weil etwas getan wird, was besser unterlassen würde - weil etwas unterlassen wird, was besser getan würde.
Problemlösestrategien können
- die Hinderung der Akteure an problemschaffendem Verhalten - die Initiierung problembeseitigender Verhaltensweisen
sein.
6. Systemische Therapie
Vorannahmen und Prinzipien
Menschen sind in der Komplexität ihrer Ganzheitlichkeit nicht fassbar – deshalb bedarf es eines Modells, der diese Komplexität reduziert und somit konkrete therapeutische Handlungsanweisungen ableitbar sind.
Erklärung für die Entstehung von Symptomen
Zur Durchführung einer erfolgreichen Therapie bedarf es keiner Erklärung für die Entstehung von Symptomen, erklärungsbedürftig ist lediglich der Verbleib eines Symptoms oder Problems über einen längeren Zeitraum. Was sind die Mechanismen, die für den Erhalt oder die regelmäßige Wiederkehr eines bestimmten Symptomverhaltens sorgen?
Hypothesenbildung
Für den Therapeuten, als außenstehenden Beobachter, ist direkt nur die Interaktion beobachtbar. Zum jeweiligen subjektiven Beobachtungsbereich kann er lediglich versuchen, einen kommunikativen Zugang zu bekommen.
Mit dem Augenmerk auf verschiedene, beobachtbare Dynamiken innerhalb des Systems kommt der Therapeut zu seiner Hypothesenbildung.
Welche Verhaltensweisen zeigt wer vor und nach dem Auftreten des Symptoms? Wie, wann und wo beginnt es, wer ist dabei und tut was?
Die Hypothesenbildung bezieht sich auf die Mechanismen der Symptomerhaltung und eröffnet so Optionen zur Störung dieser symptomerhaltenden Mechanismen.
Dies kann gelingen, wenn er innerhalb der Kommunikation, innerhalb des therapeutischen Systems Funktionen übernimmt, die im problemerhaltenden System nicht oder anders realisiert werden.
Zieldefinitionen
Als Therapeut braucht man kein inhaltlich definiertes Ziel, trotzdem ist es sinnvoll, mit den Klienten in der Kommunikation darauf zu fokussieren, woran der Therapieerfolg abgelesen werden könnte.
Interventionsmöglichkeiten
Interventionsmöglichkeiten:
Diese drei phänomenologisch unterschiedlichen Systemtypen können sich sowohl gegenseitig stören als auch anregen, sich jedoch nicht in ihren inneren Zuständen determinieren.
Die Macht des Therapeuten ist begrenzt – er hat keinen Zugang zur Psyche als operationell geschlossenes System, wo er doch scheinbar genau diesen Phänomenbereich beeinflussen sollte.
Allerdings besitzt der Therapeut die Möglichkeit, zu den beiden Umwelten der Psyche einen Zugang zu finden – dem Organismus und das soziale System. Beides sind Kommunikationssysteme, in die interveniert werden kann.
3 Interventionsansätze:
• Veränderung des um das Symptom herum geordneten interaktionellen und kommunkativen Musters (Symptomverhalten in neuen Kontext stellen)
• Veränderung der Verknüpfung zwischen interpersonell beobachtbarem Verhalten und Bedeutungsgebung
• Die scheinbar logische Konsistenz und Kohärenz von Wirklichkeitskonstruktionen ad absurdum führen
Sprache als Medium der Therapie
Sprache ermöglicht die Kopplung zwischen Organismen, psychischen und sozialen Systemen und sie ermöglicht Reflexion.
Die Gefahr bei Gebrauch von Sprache besteht darin, dass ihren Elementen eine objektive Bedeutung unterstellt wird, wobei der subjektive Gebrauch die psychische Bedeutung von Sprache bestimmt.
Kontexte
Kontexte stellen den Interpretationsrahmen menschlicher Kommunikation dar. Die subjektive Bedeutungsgebung der Sprache wird mit der Bedeutungsgebung durch den sozialen Kontext verknüpft.
Worte gewinnen erst im Gesamtzusammenhang eines Satzes ihre Bedeutung, Sätze werden durch den Textzusammenhang, in dem sie stehen, bedeutungsvoll.
Neben dem Inhalt der Aussage kommt Mimik und Gestik Bedeutung zu – der Sprechakt in seiner Gesamtheit bildet den unmittelbaren Kontext der übermittelten Worte. Soziale Systeme legen ihrer Deutung der Welt Geschichten zugrunde. Problemlöse-strategien werden meist von Generationen überlieferten Mythen geleitet und Beziehungen werden daher im Kontext der eigenen Skripten und Mythen interpretiert.
Wirklichkeitskonstruktionen
In der Theorie geht man davon aus, dass es keine unteilbar „wahre“, die Wirklichkeit „richtig“ abbildende Beschreibung der Abläufe gibt, sondern lediglich von der Perspektive des Beobachters abhängige Beschreibungen!
Das heißt für die Therapie, dass der Therapeut sich im Klaren sein muss, dass jeder Mensch sich seine eigene Wirklichkeit konstruiert mit seinen eigenen Beschreibungen, Erklärungen und Bewertungen.
So kann eine Veränderung in bestehende Strukturen erreicht werden, indem es dem Therapeuten gelingt, eine Veränderung von Bewertungen im System herbeizuführen.
Der Therapeut
Der Therapeut muss entscheiden, wie viel Verantwortung er für den Erhalt oder die Veränderung des behandelten Systems übernimmt und welche Funktionen er dabei übernommen soll.
Parteilichkeit
In Notfallsituationen kann es notwendig sein, dass der Therapeut die für das Klientensystem überlebensnotwendigen Entscheidungen trifft.
Muss er im Sinne eines institutionellen Auftrags handeln, kann es notwendig werden, zielgerichtet, d.h. parteilich, Entscheidungen zu treffen.
Neutralität
Die Aufgabe des Therapeuten besteht darin, Prozesse zu initiieren – er übernimmt die Verantwortung für den Prozess der Entscheidungsfindung, nicht aber für das inhaltliche Ergebnis. Er vertritt dabei keine inhaltlichen Präferenzen und akzeptiert die Entscheidungen des Systems.
Der Therapeut kann, wenn er mit einem Konflikt des Klientensystems konfrontiert wird, zwischen zwei unterschiedlichen neutralen Interventionsstrategien wählen.
Er kann sich
- auf die Weder-noch-Seite er enthält sich der Stellungnahme
oder
- auf die Sowohl-Als-auch-Seite sein Verhalten und seine Äußerungen sind vieldeutig, widersprüchlich, paradox
stellen.
Beziehungsneutralität heißt, sich auf keine Koalitionen oder Allianzen mit Mitgliedern des Systems einzulassen.
Problemneutralität heißt, dass sich der Therapeut der positiven oder negativen Bewertung des präsentierten Problems enthält.
Konstruktneutralität heißt, einseitige Sichtweisen und Bedeutungsgebungen von Konfliktparteien nicht zu bestätigen.
Einführung der Außenperspektive
Der Innen-Außen-Unterschied der Beobachtungsperspektive definiert die Beziehung zwischen Therapeut und Klientensystem.
Das soziale System agiert oft unbewusst nach über Generationen überlieferten „Spielregeln“ und ist sich über diese Dynamiken nicht bewusst.
Der Therapeut ist derartigen sozialen Spielregeln gegenüber in der Position des außenstehenden Beobachters und kann diese deshalb bewusst wahrnehmen.
Liefert der Therapeut Beschreibungen der beobachteten Interaktionen aus der Perspektive des Neutralen, nicht in Konflikte verwickelten, kann dies Zusammenhänge verdeutlichen, die aus der Innenperspektive nicht beobachtbar sind.
Die Einführung einer solchen systemischen Außenperspektive kann eine machtvolle Veränderung induzierende Intervention sein!
Die andere Seite der Gesundheit
Fallbeispiel:
Familie Müller
Mutter (42 Jahre), Großmutter (71 Jahre) und Sohn Sebastian (6 Jahre) wohnen in einer 2-Zimmer-Wohnung in Innsbruck.
Mutter und Großmutter sind kroatischer Herkunft, die Großmutter, Witwe, ist vor einigen Jahren als Kriegsflüchtling zu ihrer Tochter nach Österreich gekommen.
Die Mutter hat sich kurz nach der Geburt ihres Sohnes von ihrem Mann, österreichischer Herkunft, getrennt und kommt seitdem alleine für die Familie auf.
Sie arbeitet als Bauingenieurin 40 Stunden in der Woche, ist in ihrem Beruf sehr erfolgreich – behauptet sich beruflich in einer Männerwelt. Auf Sebastian passt in dieser Zeit die Großmutter auf.
Die Großmutter spricht nicht Deutsch und aufgrund ihrer Kriegstraumatisierung verlässt sie kaum die Wohnung.
Die Wohnsituation gestaltet sich so, dass alle 3 sich Schlafzimmer und Bett teilen.
Zum Vater besteht kein Kontakt, lediglich ein Foto in einem goldenen Rahmen hängt an der sonst kahlen Wohnzimmerwand.
Der Alltag zu Hause gestaltet sich so, dass die Großmutter mit Sebastian die Wohnung nicht verlässt, Sebastian viel fern sieht, Computer spielt.
Sebastian ist stark adipös, in seiner motorischen Entwicklung retardiert, hat eine verwaschene Sprache. Er besucht momentan die Vorschule und aufgrund starker Verhaltensauffälligkeiten steht die Frage nach Wechsel in die Sonderschule im Raum – obwohl Sebastian neuropsychologisch abgeklärt und keine Intelligenzminderung festgestellt wurde.
Die aktuelle Situation scheint die bestehende Familiendynamik zu kippen…