SOZIALISATIONSTHEORIEN - EINE EINFÜHRUNG
1 Einleitung
Die umfangreiche Thematik der interdisziplinären Sozialisationsforschung ist sehr komplex, wobei der Diskurs vor allem von der Psychologie sowie der Soziologie geleitet wird. Zahlreiche Beiträge werden auch von der Erziehungswissenschaft, der Anthropologie sowie der Ethnologie geliefert (vgl. Geulen 2005, S. 9). Die zentrale Aufgabe der Sozialisationsforschung „ist die Untersuchung der Frage, in welcher Weise und in welchem Ausmaß soziale, kulturelle, ökonomische und ökologische Strukturen und Prozesse als Bedingungen der menschlichen Persönlichkeitsbildung wirken.“ (Hurrelmann 2001, S. 9) Dieser Artikel zielt darauf ab, einen allgemeinen Überblick über Sozialisationstheorien zu geben. Dafür wird zu Beginn eine Begriffsbestimmung gegeben und anschließend werden ausgewählte Sozialisationstheorien exemplarisch dargestellt.
2 Begriffsbestimmung
2.1 Sozialisation vs. Erziehung
Der Begriff der Sozialisation wurde erstmals von dem französischen Soziologen Emile Durkheim in den wissenschaftlichen Diskurs eingeführt, wurde jedoch, im Gegensatz zum modernen Verständnis von Sozialisation, als einseitiger Aneignungsprozess verstanden. Dabei stand der Begriff der Prägung im Vordergrund (vgl. Hurrelmann 2001, S. 13). Laut Hurrelmann (2001) versteht man in der aktuellen hegemonialen Bestimmung von Sozialisation einen „Prozeß, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt.“ (S. 14) Sozialisation wird als ein lebenslanger Prozess verstanden, der nicht auf einzelne Entwicklungsphasen reduziert werden kann (vgl. Peuckert & Scherr 2003, S. 320). Vom Begriff der Sozialisation setzt sich der Begriff der Erziehung klar ab, denn darunter versteht man die „bewußten und geplanten Einflußnahmen.“ (Hurrelmann 2001, S. 14) Die beiden Prozesse der Erziehung und der Sozialisation sind zwar miteinander verbunden sind, dürfen allerdings keinesfalls gleichgestellt werden. Vielmehr kann die Erziehung der Sozialisation untergeordnet werden (vgl. Hurrelmann 2001; Peuckert & Scherr 2003). „Erziehung als Unterbegriff von S. [Anm.: Sozialisation] bezeichnet alle Vorgänge, bei denen bewusst ein Handeln mit dem Ziel in Gang gesetzt wird, die Persönlichkeitsentwicklung zu beeinflussen, d.h. bestimmte Verhaltensdispositionen zu entwickeln oder vorhandene zu verändern.“ (Peuckert & Scherr 2003, S. 320) Sozialisation bewegt sich auf einem Kontinuum zwischen individueller Autonomie und gesellschaftlich vorgegebener Rahmenbedingungen, welche das Subjekt bestimmen. Individuen befinden sich in einem Spannungsverhältnis einerseits zwischen der Aneignung von wesentlichen sozialen Normen und Werten und andererseits der individuellen Anwendung dieser Normen in spezifischen Situationen (vgl. Peuckert & Scherr 2003, S. 321).
Fischer und Wiswede (1997) definieren Sozialisation folgendermaßen:
„Im engeren Sinn bezeichnet man als Sozialisation das Hineinwachsen in soziale Beziehungsnetze (Interaktionsbezüge, Gruppenzusammenhänge, die ‚Gesellschaft’). Dabei geht es nicht lediglich um die ‚Anpassung’ an gesellschaftliche Erfordernisse (Normen, Rollenerwartungen, Berufsverpflichtungen), sondern im Sinn der reziproken Determination auch um aktive Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Einflüssen, Erwartungen oder Zumutungen. ‚Persönlichkeit’ formt sich erst in solchen Austauschprozessen aus; auch Vorgänge der Identitätsfindung, der Personalisation und der Selbstkonzept-Entwicklung sind ohne diesen ‚dialektischen’ Prozeß eines Wechselspiels von Individuum und Gesellschaft nicht denkbar.“ (S. 76)
Die angeführten Definitionen von Sozialisation verdeutlichen, dass die Definition von Durkheim für das heutige Verständnis von Sozialisation nicht mehr zutreffend ist. Durkheim versteht Sozialisation als Prägung und damit die mehr oder weniger passive Aneignung von Normen und Werten. Im modernen Verständnis von Soziologie wird die aktive Aneignung von gesellschaftlichen Regeln, Normen und Werten betont.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass im Prozess der Sozialisation Normen und Werte, welche in der Gesellschaft vorherrschen, vom Individuum aktiv verinnerlicht werden. Regeln, Normen und Werte sind für das Funktionieren von Gesellschaften notwendig. Laut Joas (vgl. 2007, S. 140ff) erweisen sich Einflüsse aus der frühen Kindheit als die wichtigsten Einflussnahmen. Dies kann unter anderem auf die frühe Entwicklung des menschlichen Nervensystems zurückgeführt werden. Ein „Mangel an sozialen Anregungen seitens der Umwelt“ kann Deprivationsstudien zufolge „zu schweren Entwicklungsdefiziten“ (Joas 2007, S. 140) führen.
2.2 Sozialisationsinstanzen
Die Sozialisation geht in unterschiedlichen Sozialisationsinstanzen vonstatten, welche verschiedentlich gewichtet sind. Als wohl wichtigste Instanz zählt die Familie, da diese die „erste soziale Umwelt“ (Joas 2007, S. 150) für ein Individuum ist und damit den Spiegel für ein Subjekt darstellt, in welchem sich dieses erstmals wahrnimmt. Weitere Sozialisationsinstanzen bilden Peer-Groups (Gleichaltrige), die Massenmedien, der Beruf etc. Die Inhalte der Sozialisation sind abhängig von der jeweiligen Gesellschaft, da unterschiedliche Normen und Werte hegemonial in verschiedenen sozialen Umwelten sind. Die Inhalte können auch innerhalb einer Gesellschaft differieren. Hierbei wird Bezug auf die schichtspezifische Sozialisation genommen: Regeln, Normen und Werte können je nach sozialer Schicht unterschiedlich ausgeprägt sein und variieren (vgl. Joas 2007).
2.3 Identitätsbildung – in Anlehnung an George Herbert Mead
Laut dem Sozialpsychologien, Pädagogen und Sozialphilosophen George H. Mead, welcher den Symbolischen Interaktionismus begründete, bildet sich die Identität von Individuen auf die folgende Weise:
„Identität ist […] ein permanenter Prozeß bestehend aus dem Wechselspiel von ‚Mich’ und ‚Ich’: das ‚Mich’ liefert den Anlaß für die Reaktion des ‚Ich’. Diese Reaktion wird ihrerseits – vermittelt, gespiegelt durch die Reaktion, das ‚feed-back’ der Anderen darauf – zu einem Teil des ‚Mich’, auf das nun wiederum spontan die Antwort des ‚Ich’ erfolgt usw.“ (Morel et al. 1999, S. 61)
Mit anderen Worten bedeutet dies, dass das ‚Mich’ den Normen und Werten des generalisierten Anderen, der Gesellschaft sozusagen, entsprechend handelt (oder auch nicht). Das ‚Mich’ ist „gesellschaftlichen Ursprungs“ (Morel et al. 1999, S. 60). Das ‚Ich’, welches neben dem ‚Mich’ existiert, entscheidet, mit welcher Reaktion es auf das ‚Mich’ reagiert‚ und „ist sozusagen das Individuelle am Individuum.“ (Morel et al. 1999, S. 60)
Mead unterscheidet den generalisierten Anderen (= gesellschaftliche Normen und Werte) von dem signifikanten Anderen (=spezifische Person). „Es ist ein wichtiger Schritt in der Sozialisation bzw. im Aufbau der Identität des Individuums, diese Unterscheidung zu lernen und zu erkennen, daß hinter den konkreten Zuschreibungen und Verhaltenserwartungen etwa der Mutter (=signifikante Andere) allgemeine Normen bzw. Haltungen der sozialen Gemeinschaft (=verallgemeinerter Anderer) stehen.“ (Morel et al. 1999, S. 60) Im Gegensatz zum ‚Mich’ verkörpert das ‚Ich’ das einzigartige am Individuum. Demzufolge antwortet das ‚Ich’ auf Reaktionen des ‚Michs’. Damit Individuen Identität aufbauen können, sind sie auf andere Menschen angewiesen. Laut Mead ist es somit zentral für den Aufbau der Identität, dass sich das Subjekt auf andere beziehen kann (vgl. Morel et al. 1999, S. 60ff).
3 Sozialisationstheorien
„Die Vielfalt der beteiligten Disziplinen, vor allem jedoch der empirischen Forschung, hat […] dazu geführt, dass sich bisher keine Theorie der Sozialisation herausgebildet hat, die auch nur die wichtigsten Gesichtspunkte und Fakten in befriedigender Weise integrierte.“ (Geulen 2005, S. 9) Somit existiert eine Vielzahl von Sozialisationstheorien, welche unterschiedlichen Disziplinen entstammen. Es besteht jedoch keine einheitliche Sozialisationstheorie (vgl. Geulen 2005).
Um diese komplexe Thematik etwas einzugrenzen, gehe ich im folgenden Kapitel exemplarisch auf je eine Theorie aus der Psychologie sowie aus der Soziologie ein, da diese beiden Disziplinen den Diskurs der Sozialisationsforschung leiten. Diesen Theorien liegen jeweilige erkenntnisleitende Modelle zugrunde, die „in idealtypisch überzeichneter Form vorgestellt“ (Hurrelmann 2001, S. 22) werden. „Sozialisation ist ein real existierender, aber in der Realität nicht dinghaft greifbarer Untersuchungsgegenstand. Eine Modellvorstellung, die als Kristallisationspunkt für erkenntnisleitende Orientierungen und Annahmen dient, macht diesen komplexen Untersuchungsgegenstand gewissermaßen begrifflich verfügbar.“ (Hurrelmann 2001, S. 18) Die Theorien werden implizit durch unterschiedliche Menschenbilder geleitet, durch welche die Wirklichkeit aus unterschiedlichen Perspektiven wahrgenommen wird. In Bezug auf Sozialisationstheorien und Persönlichkeitsentwicklung lassen sich laut Hurrelmann (2001) vier unterschiedliche erkenntnisleitende Modelle differenzieren, die den Theorien zugrunde liegen (vgl. S. 20ff).
Das mechanische Modell nimmt „die Umwelt als gegeben und als Ursache für das Verhalten der Person“ (Hurrelmann 2001, S. 20) an. Impulse zur Entwicklung begründen auf externen Reizen und als Konsequenz dessen folgt eine Veränderung des individuellen Verhaltens. Diese Veränderung wird „als Reaktion auf bestimmte Umweltbedingungen interpretiert.“ (Hurrelmann 2001, S. 20) Dies bedeutet, dass die Entwicklung von Individuen als Summe aller Reaktionen auf Umwelteinflüsse resultiert. Damit gibt es für die Entwicklung keinen zeitlichen Rahmen, sondern diese vollzieht sich von der Geburt bis ans Ende des Lebens (vgl. Hurrelmann 2001, S. 20).
Das organismische Modell nimmt die Umwelt als gegeben an, „doch die Impulse für die menschliche Entwicklung sind dem Organismus intern. Entwicklung ist ein naturwüchsiger Prozeß, der nach bestimmten erkennbaren allgemein gültigen Gesetzen oder Regelmäßigkeiten verläuft.“ (Hurrelmann 2001, S. 21) Jedes Individuum schafft sich sein eigenes Ordnungsmodell, anhand dessen externe Informationen und Impulse verarbeitet werden können. Die Geschwindigkeit dieser Verarbeitung wird ebenfalls vom Subjekt gesteuert, wobei diese durch Umwelteinflüsse stimuliert oder gehemmt werden können (vgl. Hurrelmann 2001, S. 21).
Im systemischen Modell werden Impulse für die Entwicklung des Menschen durch die wechselseitige Assimilation des Individuums an dessen Umwelt generiert. „Im Prozeß der Entwicklung nimmt eine Person schrittweise die Erwartungen und Verhaltensmaßstäbe des sozialen Systems auf, bis diese zu verinnerlichten und selbstwirksamen Motivierungskräften und Zielen für das eigene Handeln werden.“ (Hurrelmann 2001, S. 21) Dieses Modell geht davon aus, dass sich Individuen lebenslang wechselseitig mit ihrer Umwelt auseinander setzen (vgl. Hurrelmann 2001, S. 21).
Das interaktive Modell geht davon aus, dass sich das menschliche Individuum in einer produktiven Art und Weise mit seiner sozialen Umwelt auseinandersetzt. Zentral ist hierbei die Reflexionsfähigkeit des Menschen, um bestimmte Ereignisse in die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu integrieren (vgl. Hurrelmann 2001, S. 21f). Laut Hurrelmann (2001) gilt „der Erwerb von gesellschaftlich bestimmten sozialen und kulturellen Kompetenzen des Handelns, mit Hilfe derer eine Person in der gesellschaftlichen Umwelt autonom und handlungsfähig ist und über eine eigene Identität verfügt, als Kriterium für eine gelingende Entwicklung.“ (S. 22)
3.1 Psychologische Sozialisationstheorien – Die Lerntheorie
Wie bereits erwähnt ist die Psychologie (neben der Soziologie) führend im Diskurs der Sozialisationsforschung. Der Beitrag dieser Disziplin zu der Thematik der Sozialisation basiert auf den folgenden vier Theorien: Lerntheorie, entwicklungspsychologischen Theorien, Psychoanalyse sowie ökologischen Theorien (vgl. Hurrelmann 2001, S. 23). Wie bereits angesprochen wird in diesem Artikel lediglich eine Theorie per Disziplin vorgestellt. Im Folgenden wird die Lerntheorie näher erläutert. Für einen einführenden Überblick über die weiteren Theorien empfehle ich Hurrelmann (2001).
Sozialisation als Lernprozess – die Lerntheorie
Der Lerntheorie zufolge wird Sozialisation als ein Lernprozess verstanden. Die Theorietradition der Lerntheorie basiert auf dem mechanischen Modell, welches darauf abzielt, „das Verhalten des Menschen als Ergebnis der Reaktion auf Impulse aus der Umwelt zu erklären.“ (Hurrelmann 2001, S. 24) Diese Theorie unterstellt jeder menschlichen Persönlichkeit ein unendliches Maß an Formbarkeit. Ermöglicht wird diese Plastizität dadurch, dass der Mensch ohne jegliche angeborene Verhaltensmuster auf die Welt kommt. Diese Muster eignen sich Subjekte im lebenslangen Prozess durch Erfahrungen und deren Verarbeitung an (vgl. Hurrelmann 2001, S. 24ff). Der Prozess des Lernens ist hierbei zentral, denn „wir lernen soziale Einstellungen und Attributionen, Erwartungen sind Ergebnisse bestimmter Lernerfahrungen, wir lernen soziale Normen und Rollen, wir erwerben durch Lernprozesse soziale Kompetenz in interaktiven Beziehungsnetzen usw.“ (Fischer/Wiswede 1997, S. 49) Im allgemeinen lerntheoretischen Verständnis beinhaltet Lernen einerseits die Aneignung und die Speicherung von Wissen und andererseits den Erwerb und die Veränderung des Verhaltens. Diese zwei Faktoren beeinflussen sich gegenseitig, da eine Erweiterung des Wissens eine Modifikation des Verhaltens zur Folge haben kann sowie wiederum spezifische Erfahrungen den Wissensstand vergrößern können (vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 49).
Im Zuge der Sozialisation werden bestimmte Werte, Normen und Standards vom Subjekt internalisiert. Die Übernahme dieser Werte geschieht unter anderem (jedoch keineswegs ausschließlich) deshalb, da bei deren Nicht-Einhaltung (negative) Sanktionen drohen können (vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 49f). Dabei muss jedoch beachtet werden, dass „wenn wir uns an bestimmte Werte halten oder gewisse Normen akzeptieren, […] dies oft nicht allein durch die Beachtung positiver oder negativer Konsequenzen [Anm.: geschieht], sondern weil wir solche Vorstellungen internalisiert haben.“ (Fischer/Wiswede 1997, S. 60) Die Verinnerlichung von externen Standards kann aus lerntheoretischer Sicht durch „diskontinuierliche Verstärkungen“ (S. 60) begründet werden. Damit meint man Belohnung und/oder Bestrafung, die in ungleichmäßigen Abständen vollzogen wird (vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 55). Eine Begründung für die Verinnerlichung von außen vorgegebenen Werten und Normen kann Selbstverstärkung, also Selbstbelohnung sein. Des Weiteren sind Attributionsprozesse von zentraler Bedeutung für die Verinnerlichung von gesellschaftlichen Normen und Werten (vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 60). Dabei müssen interne und externe soziale Kontrollen unterschieden werden. Interne Kontrollen beziehen sich auf die Verinnerlichung sozialer Normen durch innere Beweggründe, wie etwa durch Selbstverstärkung, „die insbesondere bei diskontinuierlicher Verstärkung einsetzt und vor allem auch durch Modell-Lernen initiiert wird.“ (Fischer/Wiswede 1997, S. 77) Demgegenüber steht die externe soziale Kontrolle, aufgrund dessen Individuen Normen und Standards beachten. Bei Nichtbeachtung der Normen und Werte könnte die Gefahr bestehen, dass negative Sanktionen auf die Subjekte einwirken (vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 76ff). Im Zusammenhang mit der externen Kontrolle stellt man fest, dass „Individuen, die lediglich dieser externen sozialen Kontrolle unterliegen, […] vor allem auf dem Wege des Vermeidungslernens oftmals doch die Möglichkeit [Anm.: finden], sich der Beobachtung zu entziehen. Soziale Visibilität ist also hier ein entscheidendes Kriterium, sich der Beobachtung zu entziehen.“ (Fischer/Wiswede 1997, S. 77)
Der Lerntheorie zufolge werden soziale Rollen im Zuge des Prozesses der Sozialisation erlernt (vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 77ff). Bahrdt (2003, S. 67) definiert soziale Rollen folgendermaßen: „’Soziale Rolle’ wird verstanden als ein aus speziellen Normen bestehendes Bündel von Verhaltenserwartungen, die von einer Bezugsgruppe (oder mehreren Bezugsgruppen) an Inhaber bestimmter sozialer Positionen herangetragen werden.“ Nachdem jedes Subjekt Inhaber von mehreren verschiedenen sozialen Rollen ist, kann es zu Rollenkonflikten kommen. Im Zuge dessen lernen die Individuen, mit Konflikten umzugehen und diese zu lösen (vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 76f).
Zusammengefasst kann resümiert werden, dass Lernprozesse zentral für die Thematik der Sozialisation sind. Einstellungen, Normen, Werte, Standards usw. werden im Zuge dieses wechselseitigen Prozesses im Sinne der Lerntheorie gelernt und verändert. Diesbezüglich wird Interaktion durch derartige Lernprozesse gesteuert und beeinflusst (vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 49ff).
3.2 Soziologische Sozialisationstheorien – Die Handlungstheorie
Wie bereits erwähnt handelt es sich um ein schwieriges Unterfangen, Sozialisationstheorien in einem Artikel mit diesem Ausmaß zusammenzufassen, da es keine einheitliche Theorie sondern vielmehr eine heterogene Vielfalt bezüglich dieser Thematik gibt. Aus diesem Grund habe ich im vorherigen Kapitel die psychologische Lerntheorie beschrieben, da diese aus meiner Sicht den Prozess der Sozialisation und dahinter liegende Strukturen etwas transparenter macht. Nachdem die Sozialisationsforschung ihre Wurzeln in unterschiedlichsten Disziplinen hat, ist es nicht möglich, aus allen Disziplinen beispielhafte Sequenzen zu entnehmen. Aufgrund dessen werde ich in diesem abschließenden Kapitel eine aus der Soziologie stammende Theorie, welche sich mit der Thematik der Sozialisation auseinandersetzt, beschreiben. Es handelt sich hierbei um die Handlungstheorie, welche in engem Zusammenhang mit George Herbert Mead steht, da dieser eine Variante dieser Theorie begründete. Weitere von der Soziologie stammende Theorien, welche sich mit der Thematik der Sozialisation auseinandersetzen, sind die Systemtheorie sowie die Gesellschaftstheorie (vgl. Hurrelmann 2001, S. 40ff).
Die Handlungstheorie
Der handlungstheoretischen Position wird das Erkenntnisleitende interaktive Modell zugeschrieben (vgl. Hurrelmann 2001, S. 22). Der Soziologe George Herbert Mead hat eine besondere Variante dieser Theorie begründet (vgl. Hurrelmann 2001, S. 48). „Mead geht vom offen beobachtbaren Verhalten des Menschen aus, konzentriert seine Analyse aber zugleich und wesentlich auf die subjektive und intersubjektive Interpretation und Bedeutung von Impulsen und Reizen, Gegenständen und Aktionen anderer Menschen.“ (Hurrelmann 2001, S. 48) Einer seiner zentralen Begriffe ist jener des interaktiven Handelns, welcher Bezug auf mit Sinn verknüpftem Handeln zwischen mindestens zwei Personen nimmt (vgl. Hurrelmann 2001, S. 48f). Hier spiegelt sich der holistische Charakter von Mead wieder, welcher bereits bei den Ausführungen über seine Identitätsbildung deutlich wurde. Mead´s Theorie basiert darauf, dass Menschen auf andere angewiesen sind, um Identität aufbauen zu können. Er „sieht die Fundierung menschlichen Handelns in physiologischen und organischen Bedingungen und analysiert ihre Formung und Überformung durch soziale Interaktionsprozesse.“ (Hurrelmann 2001, S. 49) Individuum und Gesellschaft werden „als in sich prozeßhaft erworben und sich in ihrer Genese gegenseitig bedingend konzipiert.“ (Hurrelmann 2001, S. 49) Damit Interaktionen erfolgreich verlaufen, müssen Menschen die Fähigkeit zur Empathie haben. Durch diese Fähigkeit ergibt sich die Möglichkeit, die Reaktion des Gegenübers zu antizipieren (vgl. Hurrelmann 2001, S. 50ff).
„Da die Handelnden die gegenseitigen Handlungsimpulse nur erschließen können, stellen Erkundungs- und Prüfverfahren einen ständig wirksamen Bestandteil der sozialen Interaktion dar. Die wahrgenommenen Absichten und Einstellungen sowie die Bedeutungen im Handeln der anderen sind ebenso wie die Definition der eigenen Handlungen nur vorläufige Interpretationen, die ständig einer Revision durch nachfolgende Ereignisse im Handlungsprozeß unterliegen.“ (Hurrelmann 2001, S. 51)
Im Zusammenhang mit der Sozialisation wird der Mensch als Produzent seiner Lebensumwelt verstanden, welcher sich im Zuge der Identitätsbildung Normen und Werte der signifikanten sowie der generalisierten Anderen (die Standards der signifikanten Anderen sind jene der generalisierten Anderen) aktiv aneignet und Antworten auf deren Reaktionen gibt (vgl. Morel et al 1999, S. 60f). In diesem Sinne ist das Individuum daher auf andere angewiesen. Die Verinnerlichung von gesellschaftlichen Standards ist notwendig, um menschliches Zusammenleben und Interaktion gewährleisten zu können (vgl. Hurrelmann 2001, S. 48ff).
4 Literaturverzeichnis
Bahrdt, Hans Paul (2003): Schlüsselbegriffe der Soziologie. Eine Einführung mit Lehrbeispielen. München: Beck Verlag.
Fischer, Lorenz & Wiswede, Günter (1997): Grundlagen der Sozialpsychologie. München, Wien: Oldenbourg Verlag.
Geulen, Dieter (2005): Subjektorientierte Sozialisationstheorie. Sozialisation als Epigenese des Subjekts in Interaktion mit der gesellschaftlichen Umwelt. München, Weinheim: Juventa Verlag.
Hurrelmann, Klaus (2001): Einführung in die Sozialisationstheorie. Über den Zusammenhang von Sozialstruktur und Persönlichkeit. 7. Auflage. Weinheim, Basel: Beltz Verlag.
Joas, Hans (Hrsg.) (2007): Lehrbuch der Soziologie. 3. Auflage. Frankfurt am Main: Campus Verlag.
Morel et al (1999): Soziologische Theorie. Abriß der Ansätze ihrer Hauptvertreter. 6. Auflage. München, Wien: Oldenbourg Verlag.
Peuckert, Rüdiger & Scherr, Albert (2003): Sozialisation. In: Schäfers, Bernhard (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie. 8. Auflage. Opladen: Leske + Budrich. S. 319-324.
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