Medien- Theorie und Kritik

in der Perspektive von Neil Postman

Zur Person:

Neil Postman wurde am 8. März 1931 in New York City geboren. Er begann seine berufliche Laufbahn als Volksschullehrer und war von 1959 bis 2002 Professor für Kommunikationswissenschaft und Medienökologie an der New York University. Im deutschsprachigen Raum wurde er durch die Veröffentlichung von zwei Büchern bekannt: „Das Verschwinden der Kindheit“ (1983) und „Wir amüsieren uns zu Tode“ (1992). Neil Postman verstarb am 5. Oktober 20031)

Medienökologie:

Postmans grundlegende These besagt, dass Medien eine ganz spezielle Umwelt erzeugen und eine Wirkung auf die Gesellschaft haben. Er knüpft bei Marshall McLuhan´s „das Medium ist die Botschaft an“; korrigiert die Aussage aber mit der Verwendung von Metapher anstatt Botschaft. Der Mensch als Teil von Gesellschaft „ist nicht denkbar ohne Medien, in und mit denen er seine Erfahrungen macht und diesen Ausdruck verleiht.“(KLOOCK, SPAHR 2007 S. 100) Sprache schafft, vor allen später eingeführten Medien, Bezüge zur Welt. Sprache bestimmt unsere Wahrnehmung und schafft Bedeutung.2)

„Sprache ist reine Ideologie. Sie lehrt uns nicht nur welche Namen die Dinge haben, sondern auch- und dies ist noch wichtiger-, welche Dinge überhaupt benannt werden können. Sie teilt die Welt in Subjekte und Objekte. (….) Sie belehrt uns über Zeit, Raum und Zahl und formt unsere Vorstellung davon, in welcher Beziehung wir zur Natur und zu anderen Menschen stehen.“3)

Der Inhalt ist in Kommunikationsprozessen weniger wichtig, als die Art und Weise der Kommunikation und das Kommunikationsmedium selbst. Gesellschaft, ihre Institutionen und Organisationsformen, stehen in eindeutiger Abhängigkeit von Medien. „Medien sind also niemals neutral, in ihrer materiellen Form sind ganz bestimmte Nutzungs- und Deutungsmöglichkeiten angelegt.“ (KLOOCK, SPAHR 2007 S. 102)

Aus diesen Gedanken leitet Postman (wie auch McLuhan und vor ihm schon Harold Innis) ab, dass die Einführung von neuen Medien zu gravierenden Veränderungen in der Gesellschaft führen. Neil Postman untersucht diese Veränderungen mit dem Blick auf ganz bestimmte Bereiche der Gesellschaft.4)

Metaerzählung der Mediealität:

Neil Postman erzählt, auf dem Hintergrund der Medienökologie, Geschichten über den Menschen- seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Seine Einstellungen sind dabei von den Werten der aufgeklärten amerikanischen Gründungsväter beeinflusst. Postman hält 3 einschneidende Medienrevolutionen als entscheidend für die europäisch- amerikanische Geschichte der letzten 500 Jahre: die Erfindung des Buchdrucks, die optisch, elektronischen Medien (Fernsehen) und den Computer. Der Buchdruck hat eine enorme Wissenszunahme ausgelöst, welche die Beschränkungen der mittelalterlichen Manuskriptkultur gesprengt hat. Diese Informationsflut konnte nur durch die Institution der bürgerlichen Familie abgefangen werden, welche die Werte der Erziehung hochhielt. Das Fernsehen (und die Vorboten: Fotografie und Telegrafie) setzten eine „Bildrevolution“ in Gang welche den Sinn für Zeit und Entwicklung ausschaltet. Postman ist sicher einer der heftigsten Kritiker des Fernsehens des 20. Jahrhunderts. Er sieht die Auswirkungen des Fernsehens ausschließlich pessimistisch und destruktiv. Das Fernsehen bringt alle Inhalte auf den Level von Unterhaltung. Diese durchgehende Unterhaltung führt zu einem Abstumpfen der Reizsensibilität auf Seiten der Rezipienten, weshalb immer stärkere Reize gezeigt werden müssen. Das Fernsehen eliminiert als Bildmedium jede Distanz- und Kritikfähigkeit. Die Einführung dieser 3 Medien steht in engem Zusammenhang mit dem von Postman diagnostizierten Werteverfalls.5)

„Postmans Metaerzählung ist die Erzählung eines Werte- Zerfalls, aber auch einer möglichen neuen Werte- Etablierung. (…) Zwar setze die dritte Medienrevolution, die des Computers, am Ende des 20. Jahrhunderts vorerst die negative Erfolgsbilanz des Fernsehzeitalters fort.“ (MARGREITER, 2007, S. 164) Diese dritte Revolution steht im Zeichen einer Technik- Hörigkeit, welche Postman „Technopol“ nennt.

Das Technopol:

Im 19. und 20. Jahrhundert ist die „Werkzeug- Kultur“ von der „Maschinen- Kultur“ allmählich abgelöst worden. Dieser Übergang hatte eine Abkehr von religiösen und transzendenten Überzeugungen zur Folge. Postman meint, dass der Mensch „technisch versklavt“ werde, was ein Angriff auf die Freiheit und Demokratie darstellt. Der Computer ist im Technopol die perfekte Maschine, weil sie nicht biologischen Bedingungen wie Gefühlen usw. ausgesetzt ist. Der Glaube daran, dass der Computer besser „denken“ kann als der Mensch, führt zu einer Abnahme der Bedeutung menschlicher Urteilsfähigkeit.6) Als Gegenmodell postuliert Postman die Rückkehr zum Lesen und zum Text und die Etablierung von Metaerzählungen, wie Religion oder andere sinnstiftende, wertefördernde Erzählungen.7)

Bibliografie:

KLOOCK, Daniela; SPAHR, Angela (2007): Medientheorien. 3. aktualisierte Ausgabe. Paderborn. Wilhelm Fink GMBH

POSTMAN, Neil (1992): Das Technopol. 2. Auflage. Frankfurt am Main. Fischer Verlag GMBH

MARGREITER, Reinhard (2007): Medienphilosophie. Berlin. Parega Verlag GMBH

2) vgl. KLOOCK;SPAHR (2007), S. 99-101
3) POSTMAN (1992) S.134
4) In „Das verschwinden der Kindheit“ (1983) lenkt er seinen Blick auf die Auflösung und das Verwischen der sozialen Grenzen zwischen Kindern und Erwachsenen, mit- ausgelöst durch das Medium Fernsehen.
5) vgl. MARGREITER 2007, S.161-164
6) vgl. KLOOCK;SPAHR (2007), S. 124
7) vgl. MARGREITER 2007, S.165