Mediendemokratie im Sinne von Neil Postman

Definition Mediendemokratie

Eine Mediendemokratie ist eine Form der Demokratie, in der sich erstens „politische Entscheidungen, die Präsentation von Politikern und ihrer Aussagen an den Bedürfnissen der Massenmedien, insbesondere des Fernsehens, bzw. seiner Zuschauer orientieren oder sogar ausrichten.“ (o.A., (o.J.): Mediendemokratie. Verfügbar unter: URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Mediendemokratie) Und zweitens die politische Meinungs- und Willensbildung der Bürger wesentlich von den Massenmedien beeinflusst werden.

Der Wandel ins narrative Zeitalter

Neil Postman warnte in den 60er Jahren, dass das Medium Fernsehen einen Wandel in der sozialen und politischen Umwelt auslöse. Postman geht hierbei von einem soziopolitischen Idealzustand aus, dem Zeitalter der Erörterung und Vernunft, das durch die Erfindung der Druckerpresse eingeleitet worden war. Die Druckerpresse öffnete der Aufklärung den Weg, sie zerstörte das Wissensmonopol und förderte die Wissensexplosion und bildete so neue, informierte Erwachsene heran, die, so Postman, Entscheidungen rationell trafen. vgl. Postman 1983, S.132)

Dies änderte sich mit der elektronischen und optischen Revolution, die Postman zu einer mächtigen Bedrohung für Sprache und Literalität erklärt, da eine Umschmelzung vom Intellektuellen zum Emotionalen passiere. (vgl. ebd., S.87) Und so leitete das Fernsehen als Höhepunkt der elektronischen und optischen Revolution, kombiniert mit einer freiheitlichen Demokratie und einer relativ freien Marktwirtschaft (vgl. Postman 1985, S.225) das „narrative Zeitalter“ ein, ein „Zeitalter der Story“, Emotionalisierung und Unterhaltung. (vgl. Postman 1983, S.132)

Das unverbesserliche Wesen des Fernsehers

Der Fernseher steht im Mittelpunkt der Medienkritik von Neil Postman, da es ein Medium der Bilder ist und der Wahrheitsgehalt von Bildern nicht geprüft wird, „denn sie sprechen unsere Gefühle, nicht unseren Verstand an.“ (ebd., S.88) „Die Menschen sitzen als Zuschauer vor dem Fernseher, nicht als Leser und auch nicht so sehr als Hörer“ (ebd., S. 92) Das Fernsehen dient also der reinen Unterhaltung und genau hier setzt Postmans Kritik an. Problematisch für ihn ist nun nicht, dass das Fernsehen unterhaltsame Themen präsentiert, sondern dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert, Nachrichten, Politik alles wird zur Story. (vgl. ebd., S 131) Denn „Das Entertainment ist die Superideologie des gesamten Fernsehdiskurses.“ (vgl. Postman 1985, S.226)

Ein kritischer Punkt ist nun, dass “(…) die Art wie das Fernsehen die Welt in Szene setzt, (wird) zum Modell dafür, wie die Welt recht eigentlich aussehen sollte.“ (ebd., S. 230)

Politik im Fernsehzeitalter

Neil Postman beklagte, dass im Fernsehzeitalter das „Image“ eines Politikers einen größeren Einfluss auf die Wahlentscheidung habe, als dessen Pläne und Ansichten. (vgl. Postman 1983, S.88): “(..) Die politische Urteilsbildung besteht nicht mehr aus der intellektuellen Überprüfung bestimmter Sätze und Argumente, sondern aus der intuitiven, emotionalen Reaktion auf die Totalität eines Bildes.“ (ebd., S. 118) Gleichzeitig zwinge nun das Fernsehen die Politiker einen Auftritt zu absolvieren, denn um den Ansprüchen des Entertainments zu genügen, müssten Showelemente eingebaut und Sachinformationen unterdrückt werden. (vgl. Postman 1985, S.229 ff) Die Macht des Fernsehers reiche nach Postman nicht nur seine Ideologie Politikern und Wählern im gleichen Maße aufzuzwingen, zudem erzeuge es auch eine Reihe von Pseudoereignissen, die eigentlich nur dem Publikumskonsum dienen. (vgl. Postman 1983, S.98)

Politik heute

Pressekonferenzen, Fernsehduelle und öffentliche Auftritte von Politikern, Emotionalisierung, Vereinfachung und Personalisierung komplizierter politischer Fragen sind größtenteils Inszenierungen, die für das Fernsehen große, für die Realpolitik aber eigentlich kaum Bedeutung haben. ((o.A., (o.J.): Mediendemokratie. Verfügbar unter: URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Mediendemokratie)

Pseudoereignisse und eine symbolische Politik sind längst Kennzeichen einiger Demokratien, in denen politisch relevante Themen leicht in den Hintergrund gedrängt werden können, wenn sie etwa nicht medientauglich sind. Politiker wissen heute genauestens über die Wichtigkeit der Präsenz in den Massenmedien Bescheid, sie sind meist medientrainiert und wissen TV-Auftritte für ihre eigene Sache zu nützen. Ihr Wahlaussagen werden auf ihre Medienwirksamkeit hingeprüft und zielen sehr oft durch Überspitzung auf die Emotionen der Wähler ab. Nun hat sich die Fernsehlogik mittlerweile auch teilweise auf die Wähler ausgebreitet, so spricht Professor Fritz Plasser etwa von einer allgemeinen Medienzentrierung in der Alltagswahrnehmung. TV-Auftritte und oder -Duelle werden zunehmend nach stilistischen Gesichtspunkten beurteilt: Souveränität, Defensive oder Offensive, oder Peinlichkeiten scheinen über „Sieg“ oder „Niederlage“ zu entscheiden. Und so war auch die Präsidentschaftswahl in den USA keine Wahl der Argumente, sondern doch mehr eine Wahl der Bilder bzw. der Images: Eine Wahl zwischen Demokraten und Republikaner, einer Frau und einem Schwarzen, einem Kriegsveteranen und einem jungen Dynamischen. Eine Wahl, in der mit großer Präsenz in den Medien, mit gutem Aussehen, Prominenz und Humor um die Wählerstimmen gekämpft wurde.

Kinder in medienzentrierten Demokratien

Kinder, die in Mediendemokratien aufwachsen erleben Politik meist von klein auf über das Fernsehen. Neil Postman geht nun davon aus, dass in einer Gesellschaft, in der das Fernsehen die Hauptquelle politischer Informationen sei, Kinder ein verändertes politisches Bewusstsein bilden. Ihr politisches Urteil wird sich kaum mehr auf Inhalte stützen, sondern entwickle sich verstärkt zu einem emotionalen Urteil. (vgl. Postman 1983, S.117) Zudem kritisiert Postman, dass es im Fernsehzeitalter unmöglich sei politische Informationen zu selektieren und so sehen bereits Kinder die Unfähigkeit von Politikern. „Nie zuvor haben so viele Menschen soviel über die Frauen, Kinder, Geliebten, Trinkgewohnheiten, sexuellen Vorlieben, Sprachfehler oder Unbeholfenheiten ihrer politischen Führer gewusst.“ Die verlorene Unantastbarkeit von Politikern führe bei der nächsten Generation schließlich zu “(…) eine® zynische(n) oder gleichgültige(n) Haltung gegenüber Politikern und politischen Vorgängen überhaupt.“ (vgl. ebd., S.112)

Visuelle Literalität und Medienkompetenz

War Neil Postman noch der Meinung, dass das Fernsehen als Medium der Bilder „böse“ und unveränderlich sei, ist der Großteil der heutigen Pädagogen doch der Meinung, dass Fernsehen durchwegs auch lehrreich sein kann. So wird seitens der Medienpädagogiker die Macht der Bilder nicht etwa unterschätzt, sondern es wird versucht den Kindern eine visuelle Literalität, bzw. eine allgemeine Medienliteralität zu vermitteln. Denn, wenn Fernsehen etwa als Kulturtechnik verstanden wird, so muss wie auch die sprachliche und numerische Literalität, auch die pikorale, bzw. visuelle Literalität erlernt werden und Medienliteralität ein fester Bestandteil eines Lehrplans in Schulen werden. Denn nur wenn Kinder, bzw. Bürger lernen Massenmedien zu verstehen und mit ihnen umzugehen, kann auch die Politik in den Massenmedien reflektiert werden und das kritisches Urteilsvermögen wachsen. Und gleichzeitig öffnet sich damit für die MedienpädagogInnen ein großer Arbeitsbereich.

Literaturliste

Postman, Neil (1983): Das Verschwinden der Kindheit. 14. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer Verlag GmbH.

Postman, Neil (1985): Das Zeitalter des Showbuisness. In: Pias, Claus & Vogl, Joseph & Engell, Lorenz & Fahle, Oliver & Neitzel Brita (Hrsg.) (2002): Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt GmbH.

Seite „Mediendemokratie“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Verfügbar unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Mediendemokratie (Stand 2009-01-01-02)