Kinderfernsehen

Im Jahr 1952 besaßen in Deutschland etwa 1.000 Haushalte ein Fernsehgerät, sieben Jahre später bereits mehr als eine Million, 1964 schon neun Millionen Haushalte – Tendenz stark steigend. In den 1950er und 1960er Jahren übernimmt das aufsteigende Medium Fernsehen ganz oder teilweise die Funktion, die zuvor von anderen Medien übernommen wurden und wird zum Massenmedium. Bereits 1979 nutzen alle Kinder bis 13 Jahre das Fernsehen wöchentlich, und für 94 Prozent von diesen ist zu dieser Zeit Fernsehen die Lieblingsbeschäftigung, noch vor „Freunde besuchen“1). Obwohl die Annahme nahe liegt, dass die Fernsehnutzung und die Attraktivität des Fernsehens für Kinder immer noch im Ansteigen begriffen ist, ist Fernsehen als beliebte Freizeitbeschäftigung von Kindern seit einigen Jahren rückläufig, was die KIM-Studien 2) für Deutschland, welche vom Medienpädagogischen Forschungsbund Südwest durchgeführt werden, aus den letzten Jahren zeigen. Die KIM-Studien der Jahre 1999 bis 2006 verdeutlichen, dass die beliebteste Freizeitaktivität von sechs- bis 13-jährigen Kindern das Treffen mit Freunden ist (1999: 42 Prozent; 2006: 47 Prozent). Während im Jahr 1999 noch 37 Prozent der Kinder in der Freizeit am liebsten fernsahen, verminderte sich diese Zahl auf 31 Prozent. Durch die KIM-Studien wird deutlich, dass Fernsehen bei Kindern leicht an Attraktivität verliert und keinesfalls die beliebteste Freizeitaktivität ist. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Berücksichtigt werden muss auf jeden Fall der Aufstieg anderer, neuer Medien – wie beispielsweise Handy, Computer, Internet, MP3-Player etc., die von Kindern stark genutzt werden und die unter Umständen auch das „Fernsehen“ ermöglichen bzw. integrieren.

Entwicklung des Kinderfernsehens

Zu Beginn des Kinderfernsehens (1953), wurde mit einfachen Mitteln versucht, ein Kinderprogramm zu konzipieren. Die erste Sendung im deutschen Fernsehen von und mit Ilse Obrig war ein bewahrpädagogisch konzipiertes Programm, das sich mit ähnlichem Konzept bis 1959 halten konnte. Mit der Zeit begannen einzelne Sender amerikanische Abenteuerserien zu kaufen, weil die Eigenproduktion zu teuer war3). Obwohl das Kinderfernsehen trotz der Abenteuerimporte weitgehend pädagogisch blieb, versuchten Kritiker des (Kinder-) Fernsehens Einschränkungen für Kinder zu erzielen und bewirkten zeitweise die Reduzierung intentionaler Kinderprogramme. Schon in den 1960er Jahren begann eine intensive Diskussion um die Fernsehnutzung von Kindern und die Wirkung des Fernsehens auf Kinder (z.B.: Förderung der Gewaltbereitschaft, Fernsehen für bildungspolitische oder gesellschaftliche Reformen, Fernsehen als Lerninstrument für Kinder, …)4). Neue Akzente kamen in den 1960er und 1970er Jahren, als Gert K. Müntefering 1963 die Redaktion Kinder beim WDR übernahm und zehn Thesen zum Kinderprogramm entwickelte. Er forderte beispielsweise, dass das Fernsehen keine Belohnung, sondern zu einem festen und essentiellen Bestandteil des Kinderalltags werden sollte. Kinderfilme müßten der gesellschaftlichen Realität entsprechen und eine kritische Distanz zum technischen Instrument Fernsehen ermöglichen. In den 1980er Jahren kam es zum Trend der Ausgewogenheit: Verzicht auf gesellschaftskritische Ambitionen und Zunahme von unverbindlicher Unterhaltung (Kinderbelustigung). Ein bekanntes Beispiel für diese Zeit ist die Kinderserie „Pumuckl“, die eine Kombination von Real- und Trickfilm ist5). Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre veränderte sich die Medienlandschaft sehr, vor allem durch die Zunahme der privaten Fernsehsender. Das Kinderprogramm der öffentlichen Sender dominierten zunehmend bunte Jugenddiskussionsrunden, Sach- und Dokumentarfilme sowie pädagogisch konzipierte Programme6). Im Gegensatz dazu liegt der Schwerpunkt der privaten Sender bis auf wenige Ausnahmen bei Zeichentrick- und Spielfilmen. Mit der Jahrtausendwende kristallisierte sich eine starke Kommerzialisierung im Bereich des Fernsehens heraus. Indirekt davon betroffen ist das Kinderfernsehen: Programme für Kinder werden mehr und mehr zu Waren, „die auf dem Markt möglichst günstig platziert werden […].“7) Festhalten lässt sich, dass das Fernsehen für Kinder nach wie vor eine attraktive Freizeitaktivität, die Fernsehnutzung insgesamt jedoch rückläufig ist. Internet, Handy und Computer, MP3-Player etc. konkurrieren stark mit dem Fernsehen – zwischen den Medien finden Verschiebungen in der Nutzung und in deren Funktion statt.


Verwendete Literatur

ERLINGER, Dieter u.a. (Hg.) (1998): Handbuch des Kinderfernsehens. Konstanz: UVK Medien.

HEIDTMANN, Horst. (Hg.) (1992): Kindermedien. Stuttgart: Metzler.

MEDIENPÄDAGOGISCHER FORSCHUNGSVERBUND SÜDWEST (1999-2006): KIM-Studien der Jahre 1999-2006. Kinder und Medien. Computer und Internet. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger. Forschungsberichte. Baden-Baden. Online verfügbar unter: http://www.mpfs.de/index.php?id=10. Letzter Zugriff: 2009-01-14.

Weiterführende Literatur

1) , 3) , 4) , 5) , 6) Vgl. Heidtmann 1992.
2) Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: KIM-Studien der Jahre 1999-2006. Kinder und Medien. Computer und Internet. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger. Forschungsberichte. Baden-Baden 1999-2006. Online verfügbar unter: http://www.mpfs.de/index.php?id=10. Letzter Zugriff: 2009-01-14.
7) Erlinger 1998. S. 5.