Das Reale bei Kersten Reich
Das Reale bei Kersten Reich ist eine von drei Ebenen, die der Pädagoge in seinem Unterricht berücksichtigen soll: Symbolisches, Imaginäres und Reales. Mit dem Realem ist bei Kersten Reich nicht so sehr der Zugriff auf eine Realität an sich gemeint, die aus der systemisch-konstruktivistischen Perspektive immer nur über das Symbolische und Imaginäre vermittelt sein kann, sondern vielmehr die Differenz zwischen entwickelter Konstruktion bestehend aus Symbolwelt und Imagination und einer nicht vorhersehbaren und nicht gewollten Erfahrung. Hier erlebt der Konstrukteur der Wirklichkeit Reales.
Die Zusammenhänge von Symbolischem, Imaginären und Realen werden in dem Artikel Symbolisches, Imaginäres und Reales nach Kersten Reich behandelt.
Begriffsklärung nach Kersten Reich
Der Begriff „real“ kommt aus dem Lateinischen „res“ was „Sache“ bedeutet. Gemeint ist damit meist „in Wirklichkeit vorhanden“. Kersten Reich entfernt sich von dieser Begriffsdefinition. Aus einer konstruktivistischen Perspektive kann die Realität an sich immer nur vermittelt über Symbolisches und Imaginäres erfahrbar sein. Somit können mit realen Erlebnissen nicht Erfahrungen gemeint sein, die die äußere Wirklichkeit bzw. Wahrheit komplett widerspiegeln. Vielmehr zeigt sich bei Kersten Reich das Reale dann, wenn die eigenen Konstruktionen an ihre Grenzen stoßen. Unsere Konstruktionen bestehen immer auch aus Symbolischem und Imaginärem. In diesen Konstruktionen fühlen wir uns relativ sicher. Wir nehmen gemeinhin an, dass unsere Konstruktionen die Wirklichkeit widerspiegeln. Machen wir jedoch eine Erfahrung, bei der wir etwas erleben, das weder symbolisch gewusst und erwartet wurde, noch imaginär gewollt war, so kommen wir in Berührung mit dem Realen nach Kersten Reich. Diese Erfahrungen können Angst auslösen, sie zeigen sich in „Ungewissheit, Unerklärbarkeiten, Uneindeutigkeiten, (…)“ (Reich 2000, S. 104). Reale Erlebnisse können auch erstaunen, erschrecken, erfreuen oder überraschen. (vgl. Reich 2000, S. 105) Wir neigen in solchen Situationen dazu, uns darüber zu verständigen. Jedoch bedeutet diese Verständigung darüber nicht, dass wir wissen, was das Reale wirklich ist. Es zeigt sich nur als Grenze: Im symbolischen Denken, erfassen wir das Reale dadurch, dass wir erkennen, dass es im Leben mehr gibt als nur das symbolische Denken. Im imaginären Vorstellen zeigt es sich als Grenze zwischen inneren Bildern und Träumen und der gelebten äußeren Wirklichkeit. Die dabei gemachten Erfahrungen werden möglichst schnell in die vorhandene Konstruktion der Wirklichkeit integriert. Was jedoch erfahren werden kann, hängt von dem Grad der Möglichkeit ab, das Ereignis in seiner Komplexität zu erfassen. Dieser Grad wird von der eigenen Konstruktion der Wirklichkeit bestimmt. Kersten Reich verweist darauf, dass das Reale immer einer Warnung gleich kommt, sich nicht zu überschätzen. (vgl. Reich 2000, S. 106) Es erinnert daran, dass die Konstruktionen, die wir von der Wirklichkeit haben, nie ein vollständiges Bild liefern und regt dazu an, einen Perspektivenwechsel vor zu nehmen und sich so einen Blick für neue Ansätze zu eröffnen. (vgl. Reich 2000, S. 103-108)
Unterschied zwischen Realität und Realem
„Die Realität ist unser Konstrukt einer Situierung in sinnlicher Gewissheit, was eine direkte Perspektive symbolischer Ordnung und imaginärer Verbindung einschließt.“ (Reich 2000, S. 109) Realität stellt also unsere Konstruktion der Wirklichkeit dar, die sowohl Symbolisches als auch Imaginäres mit einschließt. Die Realität bei Kersten Reich ist alles Wiederkehrende im Leben: „Alltagsabläufe, gelernte Handlungsroutinen, Rollenmuster und Habitus, Sozialisationserfahrungen, Kulturleistungen, wissenschaftliche Diskurse usw.“ (Reich 2000, S. 109) Das Reale bezeichnet hingegen das, was wir noch nicht kennen, wissen oder wollen. Etwas, das in unserer Vorstellung nicht existiert bis wir es als Ereignis wahrnehmen. Integrieren wir es dann in unsere Konstruktionen, wird es Bestandteil der Realität. Hinwendung zur Realität
Mit der Forderung zur „Hinwendung an die Realität“ (Reich 2000, S. 109) wendet sich Kersten Reich an die Pädagogen und Pädagoginnen. Nach Kersten Reich wird Unterricht räumlich und zeitlich zu sehr von der übrigen Lebenswelt abgegrenzt. Für den Lernenden/ die Lernende ist es wichtig, nicht bloß in symbolischen Kunstwelten zu lernen sondern einen Bezug zu seinen äußeren Erfahrungen und zu realen Ereignissen herzustellen. Dies könne zum Beispiel durch außerschulische Praktika gewährleistet werden. Die Aufgabe von Lehrer/ Lehrerin und Schüler/ Schülerin ist es nach Reich nach dem Realen zu suchen. Das bedeutet, dass „bisherige Leerstellen in unseren Konstruktionen“ (Reich 2000, S. 110) aufgedeckt werden. Dadurch erst wird es möglich neue Perspektiven ein zu nehmen. Kersten Reich verfolgt damit folgende Ziele:
„Es wird uns Grenzen unserer Beschäftigungen aufweisen, Beobachterstandortwechsel anregen, uns vielleicht auch mitunter aus der Festgefahrenheit unserer statistisch sicheren Lösungen befreien und neue Lösungswege eröffnen.“ (Reich 2000, S. 110)
Die Gefahr des derzeitigen Unterrichts liegt nach Reich vor allem darin, dass er den Lernenden/ die Lernende dazu verleitet passiv und rezeptiv auf Antworten zu warten, anstatt sie sich aktiv zu erarbeiten. „Durch das Erleben von Realem wird uns klarer, „was wir imaginär und symbolisch vom Leben noch wollen.“ (Reich 2000, S. 110)
Literatur
Reich, Kersten (2000): Systemisch-konstruktivistische Pädagogik. Einführung in Grundlagen einer interaktionistisch-konstruktivistischen Pädagogik. 3. Auflage. Neuwied, Kriftel: Luchterhand.
Weblinks
Methodenpool von Kersten Reich: http://methodenpool.uni-koeln.de/uebersicht.html (Stand: 13. November 2008)
Homepage von Kersten Reich http://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/start.html (Stand:13. November 2008)