Das Imaginäre (Kersten Reich)
Neben dem Symbolischen und Realen beschreibt Kersten Reich das Imaginäre. Nach Reich können wir niemals unmittelbar kommunizieren. Zwischen dem Ich und dem Anderen besteht eine unüberwindbare Sprachmauer, die einen direkten Kontakt eben nicht möglich macht. Im Kommunikationsmodell nach Reich stellt die imaginäre Achse den einzigen (indirekten) Zugang zum anderen Subjekt dar.
Die Verknüpfung von Symbolischem, Imaginären und Reale werden im Artikel Symbolisches, Imaginäres und Reales nach Kersten Reich besprochen.
Begriffsgeschichte
Der Begriff des Imaginären stammt vom lateinischen Wort für Bild und damit von Imagination (Einbildungskraft, Vorstellungskraft) und dem Adjektiv „imaginarius“, was so viel wie eingebildet/scheinbar heißt, ab. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan beschreibt das Imaginäre – neben dem Symbolischen und Realen – als eine der drei Stufen des Psychischen. Dabei spielen materielle Bilder und mentale Vorstellungsbilder, als auch Selbstidentifikation, Täuschung und Begehren eine Rolle. (vgl. Reich 1996, S. 85)
Ausgehend vom berühmten Konzept des Spiegelstadiums untersucht Lacan das Imaginäre: Zum ersten Mal nimmt sich das Kleinkind (6 – 18 Monate) als ein Ganzes, (aber als jemand anderes) im Spiegel wahr. Damit sich jedoch das Ich entwickeln kann, muss das Kind die Erfahrung machen, dass es auch ohne Spiegel - ohne Bestätigung - eine Existenz hat. Hier kommt allerdings noch der „Blick des Dritten“ (vgl. Reich 1996, 85) hinzu. Dies bedeutet, dass das Kind, das sein Spiegelbild erblickt, noch die Bestätigung einer Bezugsperson benötigt, um diese neue eigene Wahrnehmung des eigenen Selbst zu untermauern. Es entsteht also eine „Triade zwischen Kind, Spiegelbild und dem Dritten.“ (Reich 1996, 85) Für Lacan ist das Spiegelstadium von grundlegender Bedeutung, da der Anblick des Ganzen eine vollkommene Position darstellt.
Begriffsklärung und Modell
„Das Subjekt in seiner imaginären Spiegelung kann nicht direkt mit einem anderen Subjekt kommunizieren, sondern immer nur vermittelt über die imaginäre Achse.“ (Reich 1996, S. 87) Diese Hauptaussage stellt Reich an einem Modell anschaulich dar: Er geht davon aus, dass man sich ein Bild vom Anderen (a) macht und so ein Idealbild des Gegenüber entsteht, welches sich in der Gegenübertretung jedoch noch verändern beziehungsweise verformen kann (a’). Dieses nun entstandene Bild kann nachfolgend ein Impuls dafür sein, den Anderen abzuurteilen, zu objektivieren usw. Es gibt laut diesem Modell eine Sprachmauer, die zwischen dem Subjekt und dem symbolisch Anderen manifest ist. Im Vergleich zum Symbolischen ist diese Barriere im imaginären System eine Hürde. Reich behauptet in Anlehnung an Lacan, dass der Kontakt zwischen Subjekt und dem Anderen durch Sprache nicht unmittelbar möglich ist. Im Modell ist zu erkennen, dass die Positionen des Subjektes und des Anderen durchgestrichen sind. Dies soll erklären, dass das Subjekt S auch über andere/Andere reflektiert und somit wird der Andere A, der ebenfalls ein Subjekt ist, ebenfalls durchgestrichen dargestellt. Dem Anderen A ebenfalls die Position eines Subjekts zuzustehen ist eine Entscheidung und versinnbildlicht in weiterer Folge die Zirkularität des Prozesses. Die Imagination stellt in diesem Modell also die Verbindung zwischen zwei ebenbürtigen Subjekten (S, A) dar. Die Imagination ist daher ein Grundbestandteil jeglicher Kommunikation, die nie direkt zwischen den Subjekten erfolgen kann.
Implikationen für die Pädagogik
Das Imaginäre ist kein pädagogisches, funktionales Instrument. Es ist eher eine Bedingung für Kommunikation. Jegliches Handeln und Planen von Pädagogen bezieht sich auf die Imagination – das Bild – des Anderen. Den Schülern ergeht es dabei ebenso wie den Lehrenden. In diesem Modell gibt es auch keine absolute Wahrheit und keine „beste“ Lernmethode. (vgl Reich 1996, S. 91) Damit ist auch die Vorstellung durch Sprache Wissen direkt an Schüler zu vermitteln, ad absurdum geführt. Ohne Sprache jedoch ist keine Kommunikation möglich. Leider vergessen wir allzu oft, dass Sprache als Zeichensystem immer mit der Konstruktion von Wirklichkeit in Beziehung steht und im Prozess des Entstehens durchaus Auswirkungen hat. „Warum aber fällt es uns schwer, die Sprachmauer zu erfassen? Warum bilden sich so viele Menschen ein, tatsächlich die Wahrheit über andere Menschen aussagen zu können?“ (Reich 1996, S. 94) Das Instrument der Sprache scheint uns dazu zu verleiten, das eigene Ich und den Anderen als reale Dinge zu behandeln. Auf der einen Seite diskutieren wir die Entstehung von Weltbildern mit dem Instrument Sprache, auf der anderen Seite ist es aber eben jenes Instrument, welches den Prozess verändert, biegt und verfälscht.
Literatur
Reich, Kersten (1996): Systemisch-konstruktivistische Pädagogik: Einführung in die Grundlagen der interaktionisch-konstruktivistischen Pädagogik. Berlin: Luchterhand.
Reich, Kersten (1998): Die Ordnung der Blicke: Perspektiven des interaktionistischen Konstruktivismus. Bd. 1. Neuwied: Luchterhand.
Weblinks
Methodenpool von Kersten Reich: http://methodenpool.uni-koeln.de/uebersicht.html (Stand: 13. November 2008)
Homepage von Kersten Reich http://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/start.html (Stand: 13. November 2008)