Emotionales Lernen (bei Kersten Reich)
Das Emotionale Lernen ist ein Lernprozess aus Sicht des interaktionistischen Konstruktivismus bei Kersten Reich, der sich auf der emotionalen Ebene festmacht. Wichtig für das Lernen sind für Kersten Reich das Symbolische, Imaginäre und Reale in der systemisch-konstruktivistischen Pädagogik. Beim Emotionalen Lernen wird besonders das Imaginäre in den Vordergrund gebracht.
Lernvorgänge
Lernen ist für Kersten Reich ein Prozess der Konstruktion, Rekonstruktion und Dekonstruktion. Lernen kann keine Wahrheiten abbilden, sondern immer nur Konstrukte, die veränderbar sind und fehlerbehaftet sein können. Lernvorgänge können aktiv, sowie passiv stattfinden. Reich nennt verschiedenen Lernvorgängen aus konstruktivistischer Sicht:
- Konstruktives Lernen
- Re- und dekonstruktives Lernen
- Kreatives Lernen
- Soziales Lernen
- Situiertes Lernen
- Emotionales Lernen
- Individuelles Lernen
Neun Aspekte der Emotionalität
In der Wissenschaft wird dem Symbolischen mehr Wert geschenkt als dem Imaginären. Doch ist besonders für das Lernen auch die imaginäre Ebene und die Emotionen von großer Bedeutung. In der Didaktik sollten Gefühle nicht außer Acht gelassen werden, da diese für Beziehungen eine große Rolle spielen.
Kersten Reichs neun Aspekte der Emotionalität, die er in seinem Werk „Die Ordnung der Blicke“ genauer analysiert, werden hier nun auf Lernprozesse hin dargestellt.
Die Physiologie der Emotionen
Emotionen zeigen sich nicht nur auf der Gefühlsebene, sondern werden von physiologischen Merkmalen begleitet. Wenn man zum Beispiel Liebeskummer fühlt, entstehen Bauchschmerzen. „Die Gefühle als Leidenschaft sind auch biologisch verankert; und sie zeigen physiologisch bestimmte Eigenschaften auf.“ (Reich 2006, S. 210) Doch sagen diese Eigenschaften nichts über das Gefühl an sich aus. Man sollte nicht auf Grund von physiologischen Eigenschaften auf Emotionen schließen. Dies ist nicht möglich, da sich Ge-fühle auf der Ebene des Imaginären befinden und nicht eindeutig in das Symbolische übertragen lassen.
Die Authentizität von Gefühlen
Gefühle können nicht wahr oder falsch sein. Man kann nicht aus den falschen Gefühlen heraus handeln. Können wir Gefühle rationalisieren und mit Normen versehen? Gefühle befinden sich im Bereich des Imaginären und können nicht mit eindeutigen Symbolen versehen werden. Wenn wir die Authentizität der Gefühle des Anderen in Frage stellen, dann diffamieren wir ihn. Dies ist für das Lernen wichtig. Wenn ein Lernender gezwungen wird sein „wahren Gefühle“ zu zeigen, nimmt man schon vorzeitig an, dieser habe gelogen. Die Gefühle jedes einzelnen lassen sich nicht miteinander vergleichen. Oft werden die eigenen Gefühle als Norm herangenommen und auf den Lerner projiziert. Nur die Wahrhaftigkeit der Gefühle kann hinterfragt werden. Erst durch den Blick des Dritten, entweder als Fremdbeobachter oder als Selbstbeobachter in einem selbst, beginnt man nach der Wahr-haftigkeit der Emotionen zu fragen. „Wenn wir in Beziehungen nicht in dem Bemühen ste-hen, unsere wahrhaftigen Gefühle zu zeigen – sofern wir diese überhaupt wissen -, verunsichern wir diese Beziehung und erzeugen Maskeraden von Gefühlen.“ (Reich 2006, S.212) Im Lernprozess des emotionalen Lernens ist es infolgedessen wichtig, nicht über die Wahrheit, sondern über die Wahrhaftigkeit der Gefühle zu sprechen und diese zu verdeutlichen.
Die Unmittelbarkeit von Gefühlen
Gefühle scheinen unmittelbar zu sein. Doch sind sie dies wirklich? Vielleicht sind unsere Emotionen immer gegenwärtig, aber sie zeigen sich nur in bestimmten Situationen. „Somit erleben wir sie zwar unmittelbar, aber sie sind Spiegelungen von Selbstwertgefühlen, als Begehren nach Anerkennung, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Sexualität, als Erlebnissen der Lust, der Freude, der Trauer zirkulär mit unseren bisherigen Erlebnissen und unseren imaginären und symbolischen Verarbeitungsmustern verknüpft.“ (Reich 2006, S.213) Doch Gefühle können einen nicht täuschen, auch wenn sie sich symbolisch nicht beschrei-ben lassen, sind sie trotzdem, wie wahrgenommen, vorhanden. Wichtig für das Lernen ist es, über Gefühle zu sprechen. Die Gefühle können im Lernprozess nicht ausgeklammert werden.
Die Unbewusstheit von Gefühlen
Wir sind uns zumeist unserer Gefühle nicht bewusst. Oftmals erst im Nachhinein kann dieses Unbewusste bewusst werden und wir erkennen, woher unsere Gefühle gekommen sind. Das Reale, welches sich in unerwarteten Ereignissen zeigt, zum Beispiel durch ver-lieben in eine andere Person, kann Emotionen bewusst werden lassen und auch verändern. Menschen haben keine Kontrolle über die Gefühle und doch sind sie sehr von ihnen geprägt. Gerade im Lernprozess zeigen sich Emotionen stark. Finde ich einen Lehrer sympathisch lerne ich viel eher. In Beziehungen zu anderen ist es bedeutend sich bewusst zu sein, „dass man sich als grundsätzlich gefühlsmäßig widersprüchliches, unerschlossenes und nie ganz begreifliches Wesen erleben und mitteilen kann.“ (Reich 2006, S.214) Doch sollte man Gefühle nie als Ausrede für Verletzungen einer anderen Person hinnehmen.
Die Gefühlsobjekte
Besonders in der Werbung werden Gefühlen oft Objekte zugeschrieben. Ein Auto, zum Beispiel, steht für ein Gefühl von Freiheit. Aber imaginäre Emotionen können nicht ein-deutig an Objekten festgelegt werden. Ein Gegenstand kann auf jeden unterschiedlich wirken. Dies sollte im Lernprozess bedacht werden. Jede Gruppe von Lernenden denkt und fühlt anders auf Grund ihrer Erfahrungen und Vorstellungen. Doch wird der Mensch von Gefühlsobjekten überhäuft. „In Beziehungen wird heute zunehmend erwartet, dass sich Gefühle über Gegenstände kontrollieren lassen.“ (Reich 2006, S.215) Das Lernen sollte nicht nur auf die Inhaltsebene beschränkt sein, sondern auch die Beziehungsebene ist von großer Bedeutung. Eine gute Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ermöglicht ein effektives Lernen.
Gefühlsmuster im Lernen als veränderliche Konstrukte
Gefühle sind sehr individuell, können aber auch kulturspezifisch Gemeinsamkeiten auf-weisen. Dies zeigt sich zum Beispiel an Abneigungen vor bestimmten Nahrungsmitteln. Individuelle Gefühlsmuster sind veränderbar. Durch das sogenannte Refraiming können fest verankerte Muster gelöst werden. Besonders im emotionalen Lernen zeigt sich die Bedeutung der selbst erfüllenden Prophezeiung (self full-filling prophecy). „Im emotionalen Lernen erfahren wir nach einmal konstruierten Erfahrungen immer wieder Musterver-stärkungen. Das Gefühlsmuster wird in seiner »Tönung« - negativ oder postitiv – verstärkt.“ (Reich 2006, S.216) Negativ verstärkte Gefühle, wie zum Beispiel Angst vor der Mathematikaufgabe, führen eher zu einem Versagen. Jedoch positive Gefühle ermutigen die Person etwas zu erreichen. Doch Überredung alleine nützt nichts um Gefühle für längere Zeit zu verändern. Die Person muss eine Erfahrung machen, die es ihr ermöglicht tief in ihr ihre Gefühlsmuster zu verändern. „Es gehört vielmehr zu einer erfolgreichen Didaktik, den Lernprozess so zu organisieren, dass in den gemachten Lernerfahrungen dieser Wechsel durch die Aufgabe und die methodische Organisation sich möglichst von selbst in der Handlungsregulation ergibt.“ (Reich 2006, S.217)
Die Singularität von Gefühlen
Die Menschen vergleichen zumeist das Individuum mit der Gemeinschaft um so auf Unter-schiede zu stoßen. Doch wird oftmals diese individuelle Singularität im Hinblick auf Normalität miniert und die Normalität der Mehrheit in den Vordergrund gestellt. „Die Singularität steht so immer in einer Spannung zur Normalität (je nach Umständen mehr oder weniger).“ (Reich 2006, S.218) Es ist wichtig für die Beziehung über Gefühle zu sprechen, damit man weiß von welchen Umständen man ausgeht und welche in der Interaktion vermittelt werden.
Die Kontrolle der Gefühle
Die Gesellschaft gibt vor, welche Gefühle angemessen sind und welche nicht. Früher wa-ren die Todsünden verpönt, heute sind diese Emotionen eher positiv besetzt. Es gibt keine klaren Regeln mehr, sondern man muss situationsbedingt erkennen, welche Gefühle angebracht sind. „Die höheren Kontrollnormen treten zurück, die Beziehung muss vermehrt aus eigener Kraft jetzt eine Lösung der Kontrolle von Gefühlen und kognitiven Verarbei-tungen hierüber finden.“ (Reich 2006, S.219) Dies ist nicht so leicht und deshalb gibt es einen immer größer werdenden Drang sich in Kleingruppen zusammenzufinden um gemeinsame Regeln aufzustellen. Sekten, zum Beispiel, geben strenge Anweisungen, welche Gefühle kontrolliert werden müssen.
Die Ambivalenz in den Gefühlen
Gefühle können nicht eindeutig definiert werden. Sie zeigen sich uns auch nie klar und deutlich. Gefühle sind ambivalent, also mehrdeutig. „Die Ambivalenzen lauern überall: zwischen den Imaginationen und der Symbolik; in den Imaginationen und der Symbolik selbst; zwischen dem Imaginären, Symbolischen und dem Realen.“ (Reich 2006, S.219f) Imaginäre Gefühle können, wenn sich in das Symbolische übertragen werden, plötzlich ganz anders erscheinen. Im emotionalen Lernen muss ich mir meiner Gefühle bewusst werden um zu erkennen, wie diese in die Interaktion mit anderen hineinfließen.
Literaturverzeichnis
Kersten Reich (1998): Die Ordnung der Blicke. Band 2: Beziehungen und Lebenswelt, Neuwied, Kriftel: Luchterhand.
Reich, Kersten (2006): Konstruktivistische Didaktik. Lehr- und Studienbuch mit Methodenpool. 3. Auflage. Weinheim: Beltz.
Weblinks
Reichs Methodenpool: http://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/didaktik/index.html (Stand: 24. November 2008)