Symbolisches, Imaginäres und Reales nach K. Reich

Kersten Reich behandelt in seiner systemisch-konstruktivistischen Pädagogik drei Ebenen, oder Perspektiven eines Beobachters: das Symbolische, das Imaginäre und das Reale. Diese drei Ebenen können zwar nicht vollständig getrennt voneinander betrachtet werden, dennoch tendieren wir gerne dazu, das Symbolische zu überbetonen, während wir dem Imaginären wenig Bedeutung beimessen. Nach Kersten Reich sollen jedoch alle drei Ebenen in die Pädagogik integriert werden. Gerde der Pädagoge/ die Pädagogin sollte Wert darauf legen, das Imaginäre stärker zu betonen. (vgl. Kersten Reich, Kapitel 4)

Zusammenhänge zwischen den drei Ebenen

Nach dem Kommunikationsmodell von Watzlawick bzw. Bateson findet Kommunikation immer sowohl über die Inhalts- als auch über die Beziehungsebene statt. Diese beiden Ebenen sind untrennbar miteinander verbunden, wobei die Beziehungsebene die Inhaltsebene wesentlich stärker beeinflussen kann als umgekehrt. Im Kommunikationsmodell von G. H. Mead kann nie direkt zwischen dem Selbst und dem Anderen kommuniziert werden, da ein innerpsychisches Spannungsfeld die Kommunikation erschwert. Kersten Reich erweitert dieses Konzept. Beobachter nach Reich sind symbolischen und imaginären Wirklichkeiten ausgesetzt, wobei sie dazu neigen, die symbolischen zu erschließen, während sie die imaginären Teile eher ausschließen. So findet auch Verständigung über das Beobachtete hauptsächlich in symbolischer Form statt. Dies zeigt sich sehr prägnant in der Wissenschaft. Ein weiterer Zusammenhang zwischen Imaginärem und Symbolischen findet sich bei Reich in der Kommunikation über das Imaginäre. Hier stehen wir vor einer Sprachmauer. Wir können nur über den Weg des Symbolischen Imaginäres vermitteln. So wird auch immer eine Diskrepanz zwischen dem eigentlich Imaginierten und dem Kommunizierten erlebt werden. Dies trifft nun aber nicht nur auf die Kommunikation über das Imaginäre selbst zu, sondern auch für alle anderen Inhalte, die immer auch mit imaginären Anteilen belegt sind und so einem Spannungsverhältnis von Imaginärem und Symbolischem unterliegen. Besonders in der Kommunikation auf Beziehungsebene spielt das Imaginäre eine große Rolle. „Gerade sie ist durch die imaginäre Vermitteltheit jeder Kommunikation bestimmt.“ (Reich 2000, S. 111) Die Realität bei Kersten Reich besteht sowohl aus Symbolischen als auch Imaginärem. Das Reale liegt im Hintergrund, kann aber jederzeit auftreten und damit die Sicherheit unserer konstruierten Wirklichkeit erschüttern. (vgl. Reich 2000, S. 110-112)

Anforderungen an den Pädagogen

Die Wissenschaft neigt, wie wir bereits weiter oben gesehen haben, dazu das Symbolische zu überbetonen. Dennoch ist nach Kersten Reich das Imaginäre von großer Bedeutung, weil es „das individuelle Vorstellen und Begehren in Beziehung mit den Inhalten zu verknüpfen gestattet.“ (Reich 2000, S. 111) Besonders im Bereich der Kommunikation spielt das Imaginäre eine bedeutende Rolle und hier vor allem in der Beziehungskommunikation. Daher sollten Pädagogen das Imaginäre wenn möglich stärken um Beziehungen Raum zu geben, sich auf unterschiedlichste Weise zu entwickeln. (vgl. Reich 2000, S. 111) Pädagogen neigen dazu, Lernen als einen einseitigen Vorgang wahr zu nehmen. Der Lehrer nimmt dabei eine übergeordnete Position ein. Er imaginiert sich nach Kersten Reich als einen „mächtigen Erzieher“, der den „richtigen Weg“ kennt, dem Schüler etwas beizubringen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass der Pädagoge erkennt, dass ihm der Schüler im Bereich der Imagination in nichts nachsteht, ihm unter Umständen sogar überlegen ist. Fördert der Pädagoge das Begehren seiner Schüler, so stellen sich „Erfindungsreichtum, spontane Einfälle und Ungewöhnliches“ (Reich 2000, S. 113) ein. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass dieser Pädagoge auch vor Überraschungen nicht gefeit ist, denn reale Ereignisse können immer eintreten, sie sind ihrer Definition nach unvorhersehbar. Zu ängstliche Lehrer, die versuchen das Reale um jeden Preis zu vermeiden, werden wahrscheinlich nicht in der Lage sein, die Lernenden mit ihrem Unterricht zu fesseln. (vgl. Reich 2000, S. 113)

Zusammenfassung der wichtigsten Punkte

Die Aufgabe des Pädagogen besteht nun zusammenfassend darin, dass er alle drei Ebenen, also das Symbolische, das Imaginäre und das Reale in einem angemessenen Verhältnis in seinen Unterricht integriert. Dies kann mit Hilfe von Konstruktion, Rekonstruktion und Dekonstruktion umgesetzt werden, wie Kersten Reich in seinem Buch „Systemisch-konstruktivistische Pädagogik“ vorschlägt. Das Symbolische ist in heutigen Unterrichtsmethoden meist überbetont, es sollte nach Kersten Reich eher etwas zurück genommen werden. Um auch die imaginäre Ebene in den Unterricht zu integrieren, wird es nötig sein, das eigene Imaginäre zu stärken. Kersten Reich beschreibt es folgendermaßen: „Dann sollte aber jeder Pädagoge bei sich selbst anfangen und seine Imaginationen stärken, bis sie stellenweise in Symbolik umschlagen und mit Anderen gelebt werden können (…).“ (Reich 2000, S. 116) Die neun Aspekte des Emotionalen Lernens zeigen, dass es gerade für den Pädagogen von Bedeutung ist, sich immer wieder selbst zu prüfen, da ein hoher Selbstwert bei gleichzeitiger hoher sozialer und solidarischer Einstellung für den erfolgreichen Lehrer unumgänglich ist. (vgl. Reich 2006, S. 220) Reale Ereignisse sollte der Pädagoge als Möglichkeit nutzen, die „Beobachterrolle“ zu wechseln. So kann er die bestehenden Konstrukte selbst dekonstruieren und ihnen die Absolutheit nehmen. Die Aufgabe des Pädagogen besteht nicht nur darin, Unterrichtsprozesse zu kontrollieren, er soll vor allem auch die Vielfalt des Lebens vermitteln. Ebenfalls ist es nicht außer Acht zu lassen, dass der Pädagoge (und natürlich auch der Schüler) nicht nur Beobachter, sondern auch Teilnehmer und Akteur ist. Nur durch komplexe Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen diesen Standpunkten und Rollenbildern wird Wirklichkeit konstruiert.

Literatur

Reich, Kersten (2000): Systemisch-konstruktivistische Pädagogik. Einführung in Grundlagen einer interaktionistisch-konstruktivistischen Pädagogik. 3. Auflage. Neuwied, Kriftel: Luchterhand.

Reich, Kersten (2006): Konstruktivistische Didaktik. Lehr- und Studienbuch mit Methodenpool. 3. Auflage. Weinheim: Beltz.

Weblinks

Methodenpool von Kersten Reich: http://methodenpool.uni-koeln.de/uebersicht.html (Stand: 13. November 2008)

Homepage von Kersten Reich http://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/start.html (Stand:13. November 2008)