DER KONNEKTIVISMUS
Siemens: “Our ability to learn what we need for tomorrow is more important than what we know today.” Unsere Fähigkeit zu lernen was wir für Morgen benötigen ist wichtiger als das heutige Wissen.
Lernen ist zu einem Teil der produktiven Arbeit geworden. Es gibt keine Garantie mehr, dass das, was gestern gelernt und geleistet wurde, morgen bzw. in der ummittelbaren Zukunft noch relevant ist. Lernen wird zunehmend integraler Bestandteil von Arbeits- und Organisationsprozessen, also Teil produktiven Arbeitens. Die Fähigkeit, Wissen aufzufinden, auszuwählen, zu bewerten und zur vernünftigen Bewältigung einer Aufgabe anzuwenden entscheidet oft über Chancen im Beruf und im Privatleben. In diesem Sinne ist Lernen ein lebenslanger Prozess, der in alltägliche Arbeits- und Freizeitaktivitäten eindringt und sowohl den Einzelnen als auch die Organisation und deren Verbindungen untereinander beeinflusst. Damit verändert sich das Lernen. Wir lernen, wenn wir Wissen benötigen. Kursmodelle haben ausgedient. Ebenso wird das Auswendiglernen von vielen Details irrelevant, diese sind im Internet, über Handy oder PC verfügbar. Überblickswissen, der Umgang mit Suchmaschinen und die Evaluierung von Informationen sind heute relevant. Mit der technologischen Entwicklung und den gesellschaftlichen Veränderungen des Lernens (zB der Bedeutungsgewinn des informellen und lebenslangen Lernens) hat sich auch der Zugang unseres Wissenserwerbs geändert und verlangt nach einem neuen lerntheoretischen Ansatz.
Konnektivismus fokussiert auf die Verknüpfung von spezialisierten Informationen in Netzwerken
George Siemens (Gründer und Präsident des Bildungslaboratoriums Complexive Systems Inc., sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Learning Technologies Center der University of Manitoba) entwickelte 2004 eine neue Lerntheorie, die über die bisherigen Ansätze – Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus - hinausgeht. Siemens spricht in seiner Theorie des Konnektivismus von informellen, vernetzten und elektronisch gestütztem Lernen. Da sich die Umwelteinflüsse ständig ändern, ist es unerlässlich die Verknüpfungen im Netzwerk zu pflegen und auszubauen, um einen durchgehenden Lernprozess zu gewährleisten und voranzutreiben. Der Informationsfluss durch eine Organisation oder Gemeinschaft ist für die Effizienz der Lernökonomie sehr wichtig und muss dementsprechend ebenfalls gepflegt und ausgebaut werden.
Siemens: Know-how and know-what is being supplemented with know-where Das Wissen über „Wo“ und „Wer“ ist heute wichtiger als das „Wie“ und „Warum“
Siemens vergleicht diesen Informationsfluss mit Pipelines, „Wissens-Röhren“, die mit verschiedenen Quellen des Wissens verbunden sind. Es ist wichtiger zu wissen, wo man Informationen herholen kann, als die Information selbst immer sofort genau zu durchdringen, da sie zB auch von anderen Quellen oftmals schon zusammengefasst wurden und so im Rechercheprozess schneller erschlossen werden kann. Das „Wo“ ist auch deshalb von großer Bedeutung, weil sich der Wissensinhalt rasch ändert, kontinuierlich wächst und sich weiterentwickelt. Wenn Wissen, in welcher Form auch immer, benötigt wird und wenn es bei dem Individuum nicht verfügbar ist, ist die Fähigkeit die passenden Wissensquellen zu kennen und zu nutzen die entscheidende Kompetenz.
Siemens: „Learning is a prozess of connecting specialized nodes or information sources.“ Lernen ist ein Prozess, der spezialisierte Wissensknoten oder Informationsquellen verbindet
Die bisherigen Theorien Behaviorismus, (Input Output Relation) Kognitivismus (rückt die mental-intellektuelle Eigenaktivität des Lernenden in den Mittelpunkt) und Konstruktivismus (betont die Rolle der (inter-)subjektiven Konstruktion von Bedeutungsstrukturen) können nicht erklären, wie Lernen in Organisationen abläuft. Sie konzentrierten sich auf den Lernprozess des Individuums an sich. Wissen wird heute durch zwei Arten von Netzwerken erworben: externe und interne (neurale) Netzwerke. Externe Netzwerke können Personen, Organisationen, Büchereien, Web-Sites, Bücher, Datenbanken oder andere Informationsquellen sein, die wir im Lernprozess sinnvoll verbinden und unser Wissen daraus formen. Lernen, das in unserem Kopf abläuft, ist ein internes (neurales) Netzwerk. Der Kerngedanke des Konnektivismus ist, dass Lernen auch außerhalb des Individuums, in Organisationen, Gemeinschaften (Communities) und vernetzten Strukturen - wenn es mittels bestimmter Technologien aufbewahrt und verändert werden kann - stattfinden kann. Lernen und Wissen erfordert verschiedene Meinungen und Denkansätze, um aus Ihnen die beste Alternative zu wählen. Im Mittelpunkt des Konnektivismus sind Wissenswerkzeuge und die Vernetzung von Wissen. Das bedeutet auch Wissen zu teilen und weiterzugeben. Wissensmanagement versucht, implizites Wissen mittels Datenbanken anderen zur Verfügung zu stellen. Der Lernende kann sich in ein bestehendes Netzwerk oder eine bestehende Gemeinschaft integrieren. Damit sitzt Wissen nicht mehr in den Köpfen von Individuen, sondern in vernetzten Datenbanken, es entsteht vernetztes Wissen. Die Informationen dort sind nutzlos, solange sie nicht von Menschen in einem Lernprozess mit ihren Erfahrungen verbunden werden. Daher kann Lernen nicht mehr als innerer, individueller Prozess gesehen werden. Einer allein kann nie alle Wissens-Knoten kennen. Komplexität und Spezialisierung bilden viele spezialisierte Wissensknoten.
Chaos is a new reality for knowledge workers Unser heutiges Wissen ist chaotisch verteilt, nicht nett verpackt und angeordnet
Der Lernende muss in der sich rasch wandelnden Wirklichkeit mit der ständig steigenden Informationsmenge entscheiden, was Bedeutung hat und was er lernen möchte. Im Konnektivismus geht es um die Verknüpfung von spezialisierten Informationen in Netzwerken. Wichtig ist, zu erkennen, wann Veränderungen eingetreten sind und wichtige von unwichtigen Informationen zu trennen. Also den Nutzen und Wert von Informationen aus- und bewerten, um mit der immer stärker ansteigenden Menge an Informationen klar zu kommen.
PhilLex erklärt den Konnektivismus anhand eines Modells in Anlehnung an ein neuronales Netzwerk, wie wir es in unserem Gehirn vorfinden. Ein künstliches neuronales Netzwerk als Modell des Gehirns besteht wie das Gehirn aus sehr vielen einfachen Rechenelementen, den Neuronen (Nervenzellen). Diese Neuronen sind hochgradig miteinander verknüpft und können dadurch gleichzeitig untereinander Informationen austauschen. Befürworter betrachten dieses Modell der Philosophie des Geistes als der beste Weg, das menschliche Denken zu modellieren und den menschlichen Geist besser verstehen zu können. Kritik an diesem Modell: es sei unrealistisch, weil es stark vereinfacht. Auch vernachlässige dieses Modell den systematischen und produktiven Charakter menschlichen Denkens.
Kritik am Konnektivismus:
Laut Plon Verhagen ist der Konnektivismus keine richtige Lerntheorie, sondern eher eine pädagogische Sichtweise, da nicht gefragt wird, „was“, sondern „wie“ gelernt wird. Zudem sind diese Ideen nicht neu.
Bill Kerr meint, dass die klassischen Lerntheorien auch in der heutigen technikorientierten Gesellschaft ausreichen. Der Konnektivismus sei in der Tat keine eigenständige Lerntheorie. Dennoch greift diese Theorie Schwachpunkte der klassischen Theorien auf und verbessert diese. Der Konnektivismus ist als eine Erweiterung der bisherigen Lerntheorien zu sehen.
Ist der Konnektivismus nur ein interessanter Ansatz, etwa eine Teiltheorie des Konstruktivismus, oder doch eine eigenständige Theorie? Der Konstruktivismus arbeitet auch u. a. mit dem Erkennen von Verbindungen. Aber dort steht das Individuum mit seiner Informationser- und –verarbeitung im Mittelpunkt. Der Konnektivismus fokussiert Wissenfindung, nicht Wissenhaben. Zur Kritik von Plon Verhagen: Content ist ein zentrales Thema. Allerdings ist der „richtige“ Content gefragt. Also „wie“ und „was“ gelernt wird. Denn wie soll man nach dem „Wie“ suchen, wenn man nicht weiß, „Was“ man sucht? Konstruktivismus und Konnektivismus haben zwar Schnittstellen, aber aus der Sicht des handelnden Individuums kann eine Abgrenzung möglich sein.
Literaturverzeichnis:
http://lernenheute.wikispaces.com/space/showimage/Der+Einsatz+von+Weblogs+und+Wikis+im+Berufsschulunterricht+(Diplomarbeit).pdf http://www.salzburgresearch.at/research/gfx/trendradar-elearning.pdf http://www.elearning2null.de/index.php/expose/2-lerntheoretischer-hintergrund/
http://lernenheute.wordpress.com/2007/02/11/ein-neues-lernparadigma-der-konnektivismus/
http://widawiki.wiso.uni-dortmund.de/index.php/Konnektivismus http://www.phillex.de/konnekt.htm